Am Fähranleger strudelt es noch heftig, doch schon wenige Meter weiter hinter der Nock der Aussenmole empfängt uns ruhiges Hafenwasser.  Vorbei an einem Serviceschiff des Windparks geht es zu den Yachtstegen. Selbige sind uns noch in böser Erinnerung, da die scharfen Metallkanten der Fingerausleger der Bordwand nicht gut tun. Doch hier gibt es nun eine Verbesserung.

Der vom Verein betriebene Hafen hat Gummipuffer an den Enden spendiert. Wir finden einen guten Platz, den wir aber am nächsten Morgen verlassen müssen. Der Hafenmeister möchte uns umlegen, damit zwei Schiffe zwischen die Stege passen. Axel freut sich auf seine Joggingrunde und ich marschiere Richtung Zentrum.

Hier spielt eine junge Boyband zum Entzücken einiger älterer Zuhörer auf. Das Publikum hat sich aufgemotzt und flaniert in weisser Hose und maritim angehauchtem Outfit auf dem Kurplatz, sitzt im Conversationshaus, in Restaurants, Cafes, nippt am Sektgläschen bei Gosch und gibt sich weltmännisch. Ich aber kaufe schnell noch Kartoffeln; an Bord gibt es heute Abend Spargel. Der Hafen füllt sich zum Feiertag. Die Fähre spuckt Herren- und Damengruppen aus, die in der örtlichen Szene Gastronomie über das lange Wochenende mal richtig auf den Putz hauen wollen. Wir entziehen uns dem Trubel durch eine Radtour zum unbewohnten Ostbereich der Insel.

So leer ist es dort auch nicht. Wie aufgereiht rollen die Fahrräder über die Routen. Die nächsten Tage wird es windiger und wir entdecken neue Strecken.  Über die Deiche geht es vorbei an Wiesen und Feldern, Birkenwäldchen mit Fasanen, brütenden Gänsekolonien, Möwen und Austernfischern zum Strand. Schneeweiser feiner Sand soweit das Auge reicht.

 

Hier kann der gestresste Städter wirklich zur Ruhe kommen.  Zurück im Hafen steigt dort schon die Party. Auf der Tümmler aus Norddeich, einem kleinen Stahl-Motorschiff, schunkeln die Mannschaft schon rund um den mit Bier, Wisky Cola und Rumflaschen beladenen Tisch. Doch bald wird es still an Bord. Die Schnapsleichen sind wohl alle unter Deck und schlafen ihren Rausch aus.

Während wir grade kochen gibt es einen Ruck. Was ist draussen los? Da liegt ein alter Katamaran an unserem Heck. Zum Glück sind unsere Fender so platziert, dass es keine Beschädigung gibt. Im starken Schraubenwasser des Windparkversorgers ist der Cat beim Anlegen verdriftet. Die vierköpfige Alt-Herren Crew ist nach einige Ziehen und Schieben endlich eingeparkt. Um genau zu sein eingeklemmt zwischen den beiden Metallauslegern.

Am nächsten Tag rangieren sie wieder heraus. Der Käptn ` ruft: „Kann hier mal einer den Asch abdrücken. Bei dem Seitenwind mach ich doch erst in Lee los und nicht in Luv.“  Die vier wettergegerbten Ostfriesenoriginale bilden den krassen Gegensatz zur Gruppe auf der schlanken roten Renn-Motoryacht gegenüber. Mit röhrenden Motoren und Geblubbere läuft die Cigarette ein. Eine sogenannte Tussi versucht sich mit nackten Füssen auf dem negativ gewölbten und spiegelglatten Deck zu halten. Axel hilft beim Anleger und nimmt die Leinen an. Die blond gesträhnte Dame mit der grossen Sonnenbrille im Haar reicht ihm die Hände. Er wundert sich und reagiert nicht, schaut nur fragend, denn die Leinen sind doch fest. Sie aber möchte von ihm an Land geholfen werden. Schon wirft sie sich ihm in die Arme.

Dann zieht die Familie Typ Geissens mit Louis Vuitton Taschen und pailettenbesetzten Totenkopf T Shirts ab Richtung Hafenrestaurant, hinterlässt nichts ausser der Duftwolke eines etwas zu aufdringlichen Parfums.

Wir geniessen die Zeit auf der königlichen Insel wie die Touristenbroschüre Norderney bezeichnet.

Wird das Leben der Hotelgäste auf der Insel nach dem Rhythmus der Mahlzeiten bestimmt, so richtet sich unser Zeitplan nach Wetter und Tidenkalender. Es geht auf Springzeit zu, die Strömungsgeschwindigkeiten nehmen zu, aber wir wollen die instabile Wetterlage abwarten. Am Abend entlädt sich denn auch ein Gewitter mit Windböen bis 40 Knoten im Hafen gemessen. Richtung Juist und Festland zucken die Blitze, Regen prasselt nieder  – wolkenbruchartig. Wir sind froh jetzt nicht draussen auf See zu sein.