Mit leichter Bagstagsbrise geht es östlich der Insel Fünen entlang. Hinter uns läuft der Traditionssegler Bremen aus. Die weissen Segel strahlen im milden Licht der ersten Sonnenstrahlen, die die Feuchte der Nacht zaghaft vertreiben. Diffus hebt sich Langeland vom Horizont ab. Bunte Flecken durchbrechen ab und an das grüne geschwungene Ufer Fünens. Es sind Dörfer oder Gehöfte, deren niedliche gelb gestrichene Häuschen mit ihren roten Dächern wie Würfel in die Landschaft gefallen sind.

Die Crew verabschiedet sich für diese Saison

 

Gegen Mittag ist der Segelbetrieb in vollem Gange und in den engen Fahrwassern der fünischen Südsee heisst es aufpassen auf den heranpreschenden Gegenverkehr.

Mittlerweile hat der Wind auf Südwest gedreht und wir laufen mit ordentlich Schräglage unter der Brücke bei Rudköbing durch. Die Temperaturen sind gestiegen, es ist heiss. Die Mittagshitze lockt Badegäste an die Ufer. Nach einigen Zickzackkursen erreichen wir Aerosköbing auf der Insel Aero. Aero ist die südlichste Insel im dänischen südlichen Inselmeer. Wie eine Sichel schirmt die Insel Aero die dänische Südsee nach Süden ab und bildet damit zwischen sich und Fünen ein geschütztes Segelrevier, dass für sein mildes Klima, das türkisfarbene Wasser an weissen Sandstränden bekannt ist. Auf der Insel wachsen Feigenbäume und die idyllischen Dorfgassen sind mit Malven und Rosen reich bestückt. Nicht umsonst verdient sich Aero auch den Beinamen Märcheninsel. Obgleich ihre ca. 7000 Einwohner ihren Geschäften nachgehen.

Neben dem Tourismus mit Ferienhausvermietung als Haupteinnahmequelle gibt es auch einige Reedereien, Werften, Schiffsassekuranzen und landwirtschaftliche Betriebe. Man bemüht sich die Insel umweltfreundlich mit Solarstrom und Stromerzeugung aus Stroh autark zu halten. Gemüse und Korn werden ökologisch angebaut. Kräuter, Eier, Obst sowie das Fleisch von Lämmern und Rindern, die auf saftigen Wiesen stehen, verarbeiten etliche Restaurants zu Gaumenfreuden, die auch den verwöhnten Gast erfreuen. Die flachen Uferzonen und geschützten Einschnitte sind ein Paradies für Kajakfahrer. Überall paddeln Gruppen deutscher Kajakenthusiasten herum, die mit an die 1000 Booten hier ein grosses Event über mehrere Tage veranstalten. Kreuz und quer auf der Insel sieht man mit Kajaks beladene Autos aus allen Ecken Deutschlands. Der Hafen von Aerosköbing ist familienfreundlich gestaltet mit grossem Spielplatz, Grillstelle und Minigolfcourse. Wenige Schritte sind es zum Supermarkt und dem malerischen Ortskern. Das alte Handelshafenbecken ist heutzutage auch von den Seglern unter Beschlag genommen. Hölzerne Traditionsschiffe liegen neben GFK Rennziegen oder dem gemütlichen Fahrtenschiff. Im Ort herrscht Urlaubshochbetrieb. Es ist ein Kommen und Gehen, denn die im Rahmen eines Kunstprojektes phantasievoll gestrichene Fähre spuckt Menschen, Autos, Fahrräder und Motorräder gleichermassen aus. Axel nutzt den Abend, um zu joggen und ich durchstreife die etwas abgelegeneren ruhigen Gassen. Die Häuschen sind oft nur mannshoch. Jede Fensterscheibe ist dekoriert mit Blumen, Vasen, Hüten, Bildern oder Figuren. Es gibt viel Trödel und Antikes. Wer etwas zu verkaufen hat,stellt es einfach vor die Tür. Bunt bemalte Steine neben gefilzten Hausschuhen oder selbstgemachter Marmelade finden sich in den Hauseingängen. Bauernläden verkaufen selbstgemachte Seife und Topfpflanzen. Das Rote Kreuz hat überall auf der Insel Regale aufgebaut bestückt mit alten Büchern. Der Erlös kommt einem guten Zweck zu Gute.

Am Abend ist der Hafen stets gut gefüllt und Kinder laufen barfuss über den Steg eifrig nach Krebsen angelnd mit Kescher und Eimer. Bordhunde warten ungeduldig auf den Landgang und werden von Herrchen, Frauchen oder dem Nachwuchs gleich nach dem Anleger ausgeführt. Am nächsten Tag machen wir eine Wanderung entlang des Nordufers nach Marstal. Vorbei an Brombeersträuchern und wiegenden Kornfelder, die von Kornblumen und Klatschmohn durchsetzt sind, geht es Richtung Kleven Haven durch die hübschen Dörfer Kragenaes und Ommel. Ein Häuschen glänzt farbenfroh mit dem nächsten um die Wette. Pfingstrosen, Astern, Schwertlilien und Margeriten verschönern  die Vorgärten. Die Hortensienbüsche in violett, weiss und rosa stehen in voller Blüte.

Unterwegs werden wir nicht müde von Apfelbäumen zu pflücken und uns reife Brombeeren in den Mund zu stecken. Unsere Brote verzehren wir auf einer Bank, aber sind eigentlich bereits satt von der Nascherei am Wegesrand. Marstal hat einen eigenen Charm. Etwas morbide erscheinen die Strassenzüge mit einigem Leerstand und Verfall der Häuser. Die grosse Zeit des Ortes an dem hunderte Segelschiffe hier auf Reede lagen und durch den Handel mit fremden Gestaden Reichtum in die Heimat brachten,  ist schon lange vorbei. Eine Werft für Traditionsschiffe und ein Dock für Einzelaufträge ist verblieben. Berühmt ist Marstal für sein Schiffahrtsmuseum, dass von den grossen Zeiten erzählt. Längst sind die berühmten Kapitäne, die hier ihr Häuschen mit Meerblick hatten, verstorben. Auch Flaske Peter lebt nicht mehr, dessen an die 500 Buddelschiffe im Buddelschiffmuseum in Aerosköbing, ausgestellt werden. Zur weltweit ältesten Sammlung dieser Art gehören über 100 Flaschenschiffe. Für seine eigene Ruhestätte hat er ein Kreuz mit sieben eingelassenen Buddelschiffen angefertigt. Sie symbolisieren die sieben Weltmeere, die er befahren hat. Auch mich holt in Marstal ein Zeugnis der Vergangenheit ein. So liegt das Segelboot Orka vertäut und halb versteckt unter einer Plane am Steg. Die Orka war das erste Segelboot mit einem Rigg bestehend nur aus einem Profilmast und ohne Wanten, dass den Atlantik überquert hat. Mitte der achtziger Jahre machte sich der Yachtredakteur Micheal Bohmann zu diesem Abenteuer startend von Amerika einhand nach Falmouth, England mit diesem eigenwilligen Gefährt auf die  Reise. Per Bus geht es nach Aerosköbing zurück. Der Bus fährt ein Stück entlang der Südküste am steinigen Strand entlang. Die Schaumkronen sind zu sehen, denn der steife Südwest wühlt die See auf. Die Wellen klatschen gegen die Uferbefestigung. Auf einigen Pfählen haben sich Kormorane niedergelassen und breiten ihr Gefieder aus, damit es trocknet. Mir fallen die Augen zu. Im voll besetzen Bus ist es heiss und das sanfte Schaukeln tut sein übriges. Nach einer guten halben Stunde sind wir wieder in Aerosköbing. Mit schweren Schritten geht es die letzten Meter zurück zum Boot.

Ständig ziehen Schauerböen über den Hafen. Der Regen prasselt gegen die Scheiben des Deckshauses und der Wind zerrt wütend an der Kuchenbude. In den Lücken gelingt es mir die Wäsche zu waschen. Das kleine hölzerne Waschhaus der Marina wird rege genutzt. Die Waschmaschine schleudert mit solcher Wucht, dass die ganze Hütte vibriert und man meint sich in der Kanzel eines Hubschraubers zu befinden, der gleich abhebt. An den Relingen von uns und etlichen anderen Schiffen sammeln sich die Klebestreifenfähnchen der Hafenquittungen von Tag zu Tag. Die meisten Familiencrews haben keine Lust bei dem unbeständigen Wetter zwischen die Schauer- und Gewitterböen zu geraten,  zumal die reizvolle Landschaft, die herrlichen Badestrände und das grosse Freizeitangebot von Yoga über Reiten bis zur geführten Kräuterwanderung für jeden etwas bietet. Von der kleinen 5 Meter langen „Auszeit“ über das  grauen Klinkerrumpfboot „Jules Verne“ bis zum Motorkreuzer „ Mama Tembo“ sind viele Bootstypen alt und neu vertreten. So gibt es auch im Hafen schon genug zu sehen. Vor allem einige  Manöver verleiten zum Schmunzeln. So fährt eine 40er Dufour rasant heran und legt sich zunächst aussen quer gegen die Heckpfähle, statt in eine Box hineinzufahren. Das Boot wird umständlich an den Pfählen vertäut, nachdem erst einmal überhaupt Leinen hervorgeholt wurden. Dann versucht sich die Crew bestehend aus Mann und Frau um einen Poller in die Box hineinzudrehen. Als dies nicht gelingt, kommt Hilfe vom Steg. Unter Aufbietung aller Kräfte zieht ein Mann nun über eine lange Leine das Schiff vom Hauptsteg in die Box hinein. Wir vermuten noch, ob der Segler ein technisches Problem hat. Doch nein, kaum ist er endlich in der Box richtig vertäut, da entscheidet er sich den Platz wieder zu verlassen, fährt auf die andere Seite des Steges und dort wiederholt sich das eigentümliche Manöver auf die gleiche Art und Weise erneut.

Wollten wir heute eigentlich zur südlichen Steilküste von Vorderup Klint, so macht das Wetter einen Strich durch die Planung. Es ist windig und Wolkenbänder jagen vorbei. Am Mittag klart es auf und wir ergreifen die Chance los zu gehen. Westlich des Hafens erstreckt sich eine grosse Bucht mit weissem Sand und bunten historischen Badehäuschen. Wir folgen dem Ufer, zweigen bald auf einen Feldweg ab, der sich zwischen den Feldern entlangschlängelt. Zwei Pferde auf ihrer Weide traben heran und verfolgen uns bis zum Zaunende. Das saftige Gras aus meiner Hand vom Streifen ausserhalb der Weide scheint viel schmackhafter zu sein. Immer wieder reckt das Pferd gierig seinen Kopf herüber. Weiter geht es vorbei an schiessenden Jägern zu einem Strand an dem wir Treibsand vorfinden und unsere Tritte gut setzen müssen, um nicht einzusinken. Im Schweitel der Bucht liegt der Weiler Borgenaes mit einem reetgedeckten Fachwerkbauernhof, der Senf, Sirup und Saft am Strassenstand anbietet. Wir geniessen den  Blick über die Bucht und zu den vorgelagerten Inseln. Die Sonne streift die Landschaft hier und da und lässt die Farben leuchten. Am Feldrand stehen hohe Brombeerbüsche. Gummihandschuhe an und Sammelgefässe raus. Im Eifer des Pflückens stören uns auch die ersten Regentropfen nicht. Mittlerweile ist der Himmel schwarz und dunkel. Wir schrecken auf, als fernes Donnergrollen fällt. Kein Mensch weit und breit. Jetzt zieht das Unwetter über uns hinweg. Der Regen prasselt unbarmherzig nieder. Unter einem Pflaumenbaum bleibt es trocken. Doch das Warten nützt nicht viel, wir müssen den Rückweg antreten. Jetzt zeigt sich wessen Regenjacke dicht ist, meine jedenfalls nicht. Bald sickert das Wasser durch. Wir marschieren im Regen zurück zum Hafen. Alles ist durchnässt. Ich habe immer noch meine Sonnenbrille auf, obwohl der Himmel sich verdunkelt hat, denn meine Brille ist weg. Wir suchen das ganze Schiff ab. Alle Jackentaschen, Rucksäcke, rekonstruieren meine Wege am Morgen – ergebnislos. Obwohl es schon spät ist, machen wir uns erneut auf den Weg und mit bereits müden Füssen geht  es nochmal entlang unserer Wanderroute mit suchenden Augen, die stets auf den Boden gerichtet sind. Axel läuft die gesamte Strecke ab, während ich erschöpft am Bauernhof warte. Leider finden wir die Brille nicht wieder. Diesmal haben wir Schirme dabei und trockenes Zeug angezogen. Doch der Rückweg unter den Schirmen durch eine neue Regenfront wird lang. Erschöpft und müde kehren wir nach 18 km Fussmarsch mit leeren Händen an Bord zurück. Na ja nicht ganz leer, immerhin haben wir leckere Kartoffeln und Petersilie an einem Hofstand entdeckt. Überall hängen nun unsere nassen Sachen herum und tropfen vor sich hin. Der Heizofen versucht die Feuchtigkeit zu vertreiben. Ich zerlege unser Schuhe, nehmen die Innensohlen heraus und versuche mit Drehen und Wenden den Trocknungsvorgang zu beschleunigen. Alles suchen und Nachdenken führt zu nichts: Meine Brille bleibt verschwunden.

Am nächsten Tag sitzen wir wieder im Bus nach Marstal. Die Strecke kennen wir mittlerweile auswendig. Zu  Glück gibt es einem Optiker in diesem verschlafenen Nest. Ich kaufe mir Tageskontaktlinsen, um die Wartezeit auf eine neue Brille zu überbrücken. Trotz dieses Missgeschicks haben wir uns in die Insel Aero verliebt und werden sicher wiederkommen.