Im Hafen schläft noch alles. Es ist hell aber die Sonne noch nicht aufgegangen. Wir lösen die Leinen und denken an unser Freunde, die jetzt gemütlich schlafen können. Die Müdigkeit steckt uns noch in den Knochen, aber kaum aus dem Hafen werden wir entschädigt durch den Anblick des roten Feuerballs der Sonne, der über die Kimm aus dem Wasser steigt. Das Schauspiel dauert nur Minuten.

Sonnenaufgang 05.20 Uhr

Die ersten Strahlen wärmen und verdrängen bald die klamme Morgenfeuchte. Wir ziehen die Fleecepullis aus und geniessen die malerische Küste mit kleinen Fischerörtchen. Durch das Fernglas schaue ich mir alles in Ruhe an.

Brantvik

Axel ruft plötzlich:“ Ich habe die Dagmar Aen im AIS. Sie läuft hier in der Nähe.“ Die Dagmar Aen ist das traditionelle Expeditionsschiff des berühmten Hamburger Abenteurers, Autors und Polarforschers Arved Fuchs. Er ist der Fachmann  für Arktis und Antarktis. Mit seiner Durchquerung auf Ski durch die Antarktis hat er schon vor Jahren  für Furore gesorgt. Bald lassen wir die Küste hinter uns und der Windpark vor Rügen liegt voraus. Doch unser eigentliches Ziel rückt nicht näher. Wir müssen einen Kreuzschlag machen, da wir nicht gegen den Wind segeln können und das heisst einen Umweg von 39 Seemeilen hinnehmen. Im Verkehrstrennungsgebiet zwingen uns wegeberechtigte Frachter zu mehreren Wenden. Um 12.00 Uhr mittags können wir endlich unser Ziel anliegen und in die richtige Richtung segeln. In weiter Ferne liegt die schwedische Küste. Wir sind ungeduldig und wollen schnell Strecke machen in Vorfreude auf das Wiedersehen  mit unseren Segelfreunden Carmen und Axel. Dazu nehmen wir die Abkürzung durch den Falsterbokanal.  Ich funke die Falsterbobrücke an, denn nach unseren schlechten Erfahrungen mit der letzten Brücke, möchte ich sicherstellen, dass die Brücke auch öffnet. Eine Frauenstimme kanzelt mich ab:“ Für die Brückenöffnung müssen sie schon näher kommen.“ Meiner Frage greift sie vorweg uns wartet nicht was ich eigentlich wissen wollte. Wir rechnen immer wieder unser ETA aus, denn die Brücke über den Kanal öffnet nur zur vollen Stunde. Um zehn Minuten verpassen wir allerdings die Acht Uhr Öffnung und müssen draussen auf See eine Stunde beigedreht unsere Kreise ziehen. Direkt vor der Brücke heisst es nochmal warten. Wir sind das dritte Boot vor der Brücke und stehen minimal gen Brücke treibend quasi auf der Stelle. So ergeht es auch den vor uns liegenden Booten. Wir sind noch eine Schiffslänge hinter der voraustreibenden Bavaria als uns der Skipper mit Handzeichen hektisch zu verstehen gibt, wir sollten den Abstand (ca 2 Bootslängen) beibehalten. Völlig unnötig, bei dieser quasi Flaute, dennoch hatten wir zu keinem Zeitpunkt die Intention ihn zu überholen. Plötzlich legt er den Rückwärtsgang ein und gibt uns durch wild gestikulierende Handzeichen zu verstehen, auch wir sollen rückwärts gehen. Die Ansage von ihm für uns ist quasi, wehe Ihr überholt uns (hatte wir nie vor aber es wäre ja auch nicht verboten). Wir gehen auch leicht auf rückwärts. Als nun die Brücke schon voll geöffnet ist und wir noch gut 100 Meter entfernt sind, erdreisten wir uns, “bereits” leicht auf voraus zu gehen (wir wollten nicht im Rückwärtsgang auf die nächste Brückenöffnung warten)  und nach links auszuscheren, obwohl wir von unserem Polen ja noch keine “Freigabe” für dieses Manöver erhalten haben. Nun wird der Pole giftig; er zieht sein Boot ebenfalls im 60° Winkel nach Bbd und versperrt uns damit den Weg. Wir stoppen auf.  Er beschleunigt weiter, fährt plötzlich zügig zur Brücke und überholt unter der Brücke den vorausfahrenden Segler. Welche wichtige Verhaltensregel dürfen wir aus diesem Szenario ableiten? Man darf diesen konkreten Polen vor einer Brücke treibend nicht so nahe kommen, dass sich der Eindruck erweckt, man könnte ihn überholen (egal ob die Brücke vor ihm bereits geöffnet ist oder nicht). Wenn der konkrete Pole  sich aber entscheidet, einen vorausfahrenden Segler bei der Brückenzufahrt zu überholen, ist dies ok.  Was wir nicht wissen, ob dadurch, dass der Pole seinen vorausfahrenden überholt hat wir von ihm quasi das ok  erhalten haben, diesen Ersten auch überholen zu dürfen und ggf. auch den Polen zu überholen. Hoffentlich treffen wir den Polen noch einmal vor einer Brücke, so dass wir diese Konstellation dann durchspielen können.

Wie schön, dass es beim Segeln unterschiedliche Charaktere gibt und es nie langweilig wird!

Falsterbokanal Brücke

Mein Resümee’: „ Lass uns bloss weit genug von denen weg legen im Hafen, den hinterher werden die noch handgreiflich.“ Endlich durch die Brücke machen wir mit dem letzten Büchsenlicht im Hafen Höllebrok ganz am Ende im dritten Becken  fest mit grösstmöglichem Abstand zum Schiff aus Polen. Der Hafenname  scheint sein schlechtes Karma zu übertragen. Beim Anleger ratschen wir uns Kratzer in drei Relingstützen, welch ein Ärger. Metallschilder mit Breitenangabe an den Heckpollern sind so verbogen, dass rasiermesserscharfe Ecken abstehen. Dann empfängt uns  ein Schwarm agressiver Stechmücken, die unablässig hinter die Brillengläser fliegen. Nun wollen wir nur noch in die Koje.

Das stimmungsvolle Panorama des pastellfarbenen Himmels  hinter der Öresundbrücke lässt uns heute Abend kalt.

Öresundbrücke am Horizont