Das ca. 2000 Einwohner starke Dorf Roja wurde erst in den 60er / 70er Jahren von den Russen aus einem kleinen Fischerdörfchen zum Produktions-Standort  gewandelt.

Roja Hafen

Roja Hafen

Heute bemüht man sich auf den Zug des Tourismus aufzuspringen, denn die Natur hat viel zu bieten. Rührig wie sich der deutschsprachige Prospekt bemüht dem Urlauber die Attraktivität Rojas näherzubringen: „ Roja ist ein Hafen der Ruhe, ein Ort für jedermann zur Rückgewinnung ausgewanderter Kräfte. Im Sommer geht es hier abwechslungsreicher zu. Die Menschen geniessen die Sonne, Baden in der Ostsee. Schönheit der Natur, Freilichtkino und andere Veranstaltungen mit einer nur in Roja möglichen Schmackhaftigkeit. Verblieb Dich in Roja auch Du!“ Liegt zwar die Sowjetherrschaft hier nun schon an die 20 Jahre zurück, so lastet das Erbe doch wohl schwer

und der Aufbau steckt immer noch in den Anfängen an diesem Ort. Nüchterne Zweckbauten bestimmen nach wie vor das Ortsbild, wenngleich in den umliegenden Waldgebieten malerische Feriendomizile neueren Datums sich mit alten Holzhäusern mischen. Alle Anwesen sind mit Zäunen umgeben und auf wirklich jedem Grundstück liegt wieder ein Wachhund, der sofort in aufgeregtes Bellen verfällt, sobald sich jemand nähert. Wir wandern auf Schusters Rappen nach Kaltene. Ursprünglich wollten wir ein Naturschutzgebiet besuchen, doch die Strecke verläuft zum Teil über die befahrene Strasse. In grosser Hitze kein Vergnügen, so dass wir nach einigen Kilometern wieder den Rückweg antreten. Lieber geniessen wir die gut beschatteten Waldpfade oder laufen direkt am Ufer über den Strand. Es ist ein Eintauchen in eine vergangene Zeit wo mit Holz geheizt, Gemüse selbst angebaut, Fisch ausgenommen und geräuchert und mangels Kanalisation das Plumpsklo im Garten benutzt wird. Letzteres wird jedes Mal, wenn man sich einer Behausung nähert, mehr als deutlich an dem süsslichen Gestank, der in der Luft liegt. In diesem Fall beschleunigen wir unsere Schritte und atmen aus. Dabei übersehen wir beinahe ein kleines Tierchen, das unvermittelt mitten auf dem Weg  wie aus dem Nichts in der Luft vor unserer Nase baumelt. Es scheint an einem unsichtbaren,  sehr feinen Faden zu hängen. Wie ein kleines Seepferdchen durchs Wasser schwebt, so zappelt es in der Luft.

Am Abend checke ich aus beim freundlichen Hafenmeister, der als eine originalgetreue Kopie vom Schauspieler Siegried Rauch, dem „Traumschiffkapitän“, durchgehen würde. Stolz erzählt er mir, dass sein Ur-Ur-Urgrossvater aus Deutschland stamme und daher auch sein Familienname Reinhold käme. Am frühen Morgen plästert es aus allen Rohren. Bald ist der Schauer durchgezogen und wir machen uns startklar für die Weiterfahrt. Noch ist der Himmel verhangen und der nasse Boden dampft. Eine junge Frau in merkwürdiger Kleidungskombination, bewaffnet mit Clipbord, nähert sich unserem Liegeplatz. Sie sei von der Grenzwache und benötigt Daten für die Statistik. Nach einigem Geplänkel über das Woher und Wohin, erklärt sie uns ihr eigenwilliges Outfit. Oben trägt sie einen grünen, dicken Grenzerparka mit Wappen und Webpelzkragen. Dann einen Minirock, nackte Beine und ihre nackten Füsse stecken in Flipflops. Sie sei extra aus Mersrags hier nach Roja gefahren und sitzt normalerweise dort im Büro. So scheint wohl um diese Jahreszeit das Einlaufen einer deutschen Yacht genug Aufmerksamkeit zu erregen, um diesen Aufwand zu betreiben.