Stralsund kennen wir von vorherigen Besuchen, daher geht es weiter den Strelasund entlang. Durch die Ziegelgrabenbrücke, die Rügen mit dem Festland verbindet. Sie öffnet zu festen Zeiten. Abends machen wir in Neuhof fest. Ein Hotspot für Angler. Autokennzeichen aus ganz Deutschland haben sich auf dem Parkplatz eingefunden. Die Fischbrötchen aus dem Anglershop enttäuschen unterdessen. Für den Wessi-Touri gibt es eben nur Industrieware. Den guten Fang behält der Einheimische für sich wie ich an den mit Hornhecht voll gefüllten Fischkisten hinter dem Schuppen bemerke. Ein Angler teilt sein Wissen mit mir: „ Im April, Mai, wenn der Raps blüht, blüht auch das Wasser.“  Das Werftgelände zum Überwintern macht einen schmuddeligen Eindruck. Alte Zäune, zerfallenen Ziegelbauten, rostige Fenster, Schutt und die typischen DDR-Grenzwege aus Betonplatten finden wir beim Abendspaziergang vor. Unablässig wird Fisch zerlegt auf Tischen, die im Freien aufgestellt sind. Die ersten Rauchschwaden vom Räuchern ziehen hoch.

 

Marina Neuhof

Marina Neuhof

Nach einem herrlichen Segeltag über den Greifswalder Bodden, vorbei am stillgelegten Kernkraftwerk Lubmin,  erreichen wir das Fahrwasser zum Fluss Ryck. Plötzlich kommt uns ein kleines Bötchen entgegen, es ist die Zeemuis aus den Niederlanden. Wir winken uns zu. Wie klein die Welt ist! Hinter dem Flut-Sperrwerk liegt Wieck, der malerische Ort an der Mündung mit einer Zugbrücke wie man sie sonst nur in Holland vorfindet. Zur vollen Stunde wird sie geöffnet und ein ganzer Tross von Booten kreist ungeduldig im Hafen.

Warten vor der Zugbrücke Weck

Warten vor der Zugbrücke Wieck

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Die kurze Motorfahrt nach Greifswald vorbei an Schilf gesäumten Ufern, Weiden , Feldern, idyllischen Stegen und Hütten,  geniessen wir. Markant erheben sich in der Ferne die Kirchtürme von Greifswald. Das wogende Schilf, die grünen Wiesen und die flach ziehenden Wolken beruhigen und das besondere milchig diffuse Licht versetzen gedanklich zurück in die Zeit der Romantik.

Fluss Ryck bei Greifswald

Fluss Ryck bei Greifswald

So muss der berühmte Maler Caspar David Friedrich die Landschaft auch gesehen und in seinen Gemälden diese Stimmung eingefangen haben, sinniere ich. Auf seiner Hochzeitsreise im Jahre 1818 in die Heimat, zeigte Friedrich seiner jungen Frau Caroline Brommer auf einer Flussfahrt seine Heimatstadt Greifswald. Friedrich wird als in sich gekehrter depressiver Mensch beschrieben.

Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich

Den Auslöser für diese Geisteshaltung vermutet man im tragischen Unfalltod seines Bruders, der im Beisein von Caspar ins Eis eingebrach und in einem See ertrank. Mit erscheint diese Interpretation zu einseitig. Als Schüler Gottfried Quistorps lernte Friedrich (1774 in Greifswald als Sohn eines Seifensieders geboren)  das Zeichnen nach Vorlagen, Modellen und fertigte Baurisse an. Bald zieht er nach Dresden und entwickelt den überdehnten Blickwinkel für seine Landschaftsmalerei. Dieser ist der  heutigen Weitwinkel Kameraperspektive gleichzusetzen. Die Heimat inspiriert ihn. So entstehen Bilder vom Greifswalder Hafen, der Klosterruine Eldena und das berühmte Kreidefelsenbild. Friedrich fertigte Naturskizzen an und verarbeitete diese später im Atelier zu seinen Bildern. Diese Vorgehensweise beschrieb er so:“ Schliesse Dein leibliches Auge, damit Du mit dem geistigen Auge zuerst siehest Dein Bild. Dann fördere zutage, was Du im Dunkeln gesehen, dass es zurück wirke auf andere von aussen nach innen.“ Für mich hat er in seinen transparent wirkenden Bildern die Stimmung treffend eingefangen.

 

Kaufmannshäuser in Greifswald

Kaufmannshäuser in Greifswald

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Bei unserem Stadtrundgang freuen wir uns über die gelungene Symbiose einer modernen Studentenstadt mit gutem Einkaufs- und Restaurantangebot und die Bewahrung der Architektur und der Atmosphäre einer der ältesten Universitätssitze des Ostseeraumes. Dieser Kontrast ist auch spürbar am Hafen wo Traditionssegler, Schifferhandwerk und die erfolgreiche Werft der Hanseyachten koexistieren. Schnittige moderne Kunststoffrümpfe in strahlendem Weiss oder dezentem Grau werden probegewassert, aufgetakelt oder auf Tiefladern für den Landtransport verzurrt. Am Heck prangt schon der Heimathafen der zukünftigen Besitzer. Basel, Vancouver, Frankfurt am  Main. Das internationale Klientel schätz das gute Preis-/Leistungsverhältnis ebenso wie die rassigen Segeleigenschaften .

Wirkt der Hafen am kalten Regentag noch wie ausgestorben, so kommt am nächsten Tag Leben auf die Stege. Putzfrauen platzieren ihre Karren vor den Charterschiffen und fangen mit dem grossen Reinemachen an am frühen Morgen, denn in Greifswald liegt auch ein Charterstützpunkt. Handwerker wusseln herum; die ersten Bohr- und Schleifgeräusche sind zu hören. Ein Ehepaar auf einer grossen Moody wird in den Kartenplotter eingewiesen. Auch wir erledigen Einkäufe und verspeisen ein Matjesbrötchen mit Himbeersosse und Nüssen beim Cult Fischladen, der angeblich auch schon Frau Merkel zu Gast gehabt haben soll.

Alter Hafen von Greifswald

Alter Hafen von Greifswald

Draussen auf See hat sich das Wetter beruhigt und die Front ist durchgezogen. Noch einmal geht es den Ryck herunter. Ein Stand up Paddler kommt uns entgegen. Der Mündungsort Wieck zeigt sich bei Kaiserwetter als Postkartenidyll.

Begegnung auf dem Fluss Rock

Begegnung auf dem Fluss Ryck

Wieck

Wieck

Fischer bei der Arbeit

Fischer bei der Arbeit

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In Rauschefahrt geht es mit frischem Wind auf den Bodden. Bei starkem Seegang steht bei den geringen Wassertiefen hier eine unangenehme Hackwelle. Glücklicherweise bleibt uns das erspart.