Auf Zehenspitzen schleiche ich mich an. Die Hofeinfahrt liegt im Halbdunkel. Ich ducke mich in den Schatten, den Finger auf dem Auslöser meiner Kamera. Hoffentlich dreht er sich nicht um. Welche Ausrede hätte ich parat, wenn sie mich entdecken? Es ist Privatgelände,

aber meine Neugier ist zu gross, als dass ich der Versuchung widerstehen könnte, hier herumzuschnüffeln. Nichts regt sich. Der Mann ist zu stark gefesselt von dem Film, der auf dem Bildschirm an der Wand läuft . Er sitzt reglos mit dem Rücken zu mir auf einem alten Sessel. Ein Strohhut bedeckt seinen Kopf. Die Szene ist ein deja vue. Sie entspringt genau einem Film, den ich einmal gesehen habe. Alles stimmt überein. Wie kann das sein? Durch die offene Tür erkenne ich den Raum, ja sogar die bewegten Bilder des Films, den er sich ansieht. 

Ich drücke ab und ziehe mich zurück. Schnell noch ein Abstecher in die unbeleuchtete Gasse zwischen den zwei alten Industriegebäuden. Einige Glasscherben liegen am Boden. Uringeruch vermischt sich mit dem scharfen Gestank von Taubendreck. Jetzt aber nichts wie weg. 

Auf der Strasse läuft das Leben weiter. Fussgänger, Radfahrer strömen in alle Richtungen. Autos brausen vorbei. Die stille Welt des Innenhofes ist eine eigene Enklave in diesem Viertel, dem Latinerviertel in Aarhus. 

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, jenseits des Doms, liegt der älteste Aarhuser Stadtteil. Die Straßen tragen historische Namen wie Badstuegade, Klostergade, Volden (Wall), Studsgade, Borggade und Graven (Graben) und mitten in diesem Viertel liegt der Platz “Pustervig Torv” mit eine Reihe von Cafés und Restaurants. Kreative Köpfe töpfern, zeichnen, malen, designen, denken hier. Die Kunstszene, Studenten, Marketingvolk bildet eine Symbiose des Schaffens. In den letzten Jahren wurde Aarhus immer mehr zu einem kulturellen Schmelztiegel und gilt heute als eine der modernsten Städte Dänemarks. Trend ist hier keinem Trend zu folgen. Stylischen Hochglanz und bekannte Markenlabel sucht man hier vergebens. Secondhandshops, Cafes mit altem Mobiliar, leicht verkommene Fassaden – alles nicht zu schick –  Rückbesinnung auf eine Zeit der Unbeschwertheit, Athmosphäre  hier und da wie im East London in den 60er oder 70er Jahren.

Wir stromern ziellos durch das Viertel. Stille Wohnstrassen wechseln mit Shops, geschlossenen Kneipen, Plattenläden, Frühstückscafes. Phantasievolle street art verschönert einige Häusergiebel.

So vergeht der Tag und am frühen Abend lassen wir uns hunrig auf den roten Skailederbänken einer Pizzeria fallen. Das Innendesign erinnert eher an ein amerikanisches Burger Schnellrestaurtant. Metalllook, bunte Blechdosen als Wandschmuck. Aus der übersichtlichen Karte wählen wir die Haselnuss-Ziegenkäse-Honig Pizza. Mut zu Neuem muss sein. Wir bleiben nicht lange die einzigen Gäste. Ein junger Mann aus Lettland nimmt zwei Tische weiter Platz. Dann folgt ein Pärchen, sie Russin, er Araber und später zwei Däninnen. Woher wir das wissen? Hochmotiviert fragt die geschäftige Besitzerin jeden Besucher nach dem woher und wohin, erklärt ausgiebig die Speisekarte. Unsere Geschmackspapillen machen derweil eine neue Erfahrung. Ungewöhnlich aber gut. Vielleicht ein Tick zu viel Honig und Nuss, der Ziegenkäse kommt zu kurz, aber der Teig ist stimmig. Die Chefin lässt es sich denn auch nicht nehmen nach unserer Meinung zu fragen. Verwundert über das Engagement erfahren wir, dass der Laden genau heute den ersten Tag geöffnet hat und wir die ersten Gäste sind. Das Essen war zwar nicht eine kulinarische Krönung, aber der Unterhaltungswert des Abends passte gut zum weltoffenen und experimentellen Aarhus.