Oer Maritim

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Sein Schädel ist kahl und tief rotbraun, ebenso die schlanken aber muskulösen Oberarme. Das ärmellose graue Top ist fleckig und verwaschen. Aus der lachsfarbenen dreiviertellangen weiten Pluderhose ragen die Unterschenkel gekreuzt in den Schneidersitz.

Hafenanlage Ort Maritim

Barfüssig und barhäuptig ist der einzige Haarschmuck an diesem Mann sein Bart. Selbiger entspringt aus den Kinnseiten und zwei schmale geflochtene graue Zöpfe laufen unterhalb seiner Brust wieder zu einem Strang zusammen. Sein Blick ist starr in die Ferne gerichtet. Doch die wässrigen sehr hellen fast weisslich blauen Augen suchen nichts am Horizont. Nach innen gekehrt ohne jede Regung verharrt der Mann – bis zum nächsten langen Zug an der Selbstgedrehten, die zwischen seinem Zeige- und Mittelfinger ruht. Er hat etwas von einem Shaolin Mönch. Asketisch, beherrscht, meditierend gehört er für mich nicht auf das Kajütdach eines Colin Archer ähnlichen Schiffes. Das Schiff ist für die hohen Breiten ausgerüstet. Ofenrohr, ketchgetakelt, massiver Stahlrumpf, Spitzgatter, Klüverbaum.

Ich schliesse die Augen und sehe viele bunte Fähnchen. Sie flattern im Wind. Gebetsmühlen knattern, aus Butterschalen steigt ein schwerer säuerlicher Geruch auf, viele Menschen drängen sich zwischen den weissen Häusern in bunten Gewändern und gehen ihren Aufgaben nach. Aus der Tempelanlage dringt das Mantra: OM MANI PADME HUM. Es ist das Mantra des Mitgefühls. Das bekannteste buddhistische Mantra soll schon im 5. Jhdt. nach Tibet gekommen sein. Jede der sechs Silben spricht ein emotionales Muster an, von dem man sich durch Rezitieren befreien kann. Om: Ignoranz, Ma: Eifersucht, Ni: Arroganz, Pad: unstillbares Verlangen, Me: Furcht und Trägheit, Hum: Hass. Katmandu, das Dach der Welt – ein Traumziel über das ich schon viel gelesen habe. Doch das muss warten. Jetzt pfeifft der Wind durch die Wanten der Boote im Hafen von Oer und der fettige Geruch kommt von den am Steg grillenden Motorboots-Nachbarn ein Becken weiter. Der Skipper fragt: „ Wann gibt es endlich Essen?“ Richtig es ist heute spät geworden. Ein längeres Etmal liegt hinter uns. An Ende mussten wir puschen, denn der Hafen von Oer ist nur über eine Schleuse erreichbar, deren letzte Bedienung im Sommer bis 22.00 Uhr erfolgt.

Schleuse von Oer Maritim

Gestartet am Morgen in Bonnerup motoren wir bis zum Kap, dann gehen die Segel hoch.

Der Wind ist launisch und kommt nicht so recht in Fahrt. Wir brauchen mehr Tuch und ziehen den Spi. Die Blase trägt uns gut weiter, bald bleibt Grenaa an Steuerbord liegen und Astarte schippert schnell die grüne Küste entlang.

erst so
dann so

Plötzlich reisst der Spibaum aus dem Beschlag am Mast. Zum Glück kann der Skipper das Malheur beheben. Bis zur Südost Spitze von Djursland heisst es mehrfach Seitenwechsel für den Spibaum und Schifften. Das hält uns auf Trab. Alles ächzt und kreischt, denn des hat merklich aufgebrist und für das Leichtwindsegel ist das Limit erreicht. Nach dem Bergemanöver schauen wir immer wieder zur Uhr und kalkulieren. Werden wir die Schleuse rechtzeitig erreichen? 45 Minuten vor der letzten Öffnung funke ich den Hafenmeister an. Keine Reaktion. Doch dann öffnet sich die Schleuse, als wir den Zufahrtkanal komplett durchlaufen haben. Aus dem Wärterhäuschen kommt eine resolute Frau, weist uns ein und belehrt uns: keine Springleinen benutzen. Ja, in Dänemark ist Schleusen eben etwas besonderes. Es geht einen Meter herauf. Dann sind wir im Becken.

Oer Maritim ist eine Ferienwohnanlage, geformt als dänische Version des französischen Port Grimaud oder des spanischen Ampuria Bravas. Eine deutliche Spur kleiner und im typischen skandinavischen Design. Bunte Holzhäuschen, die eher eine bescheidene Wohnfläche bieten, gruppieren sich um Wasserbecken und an Kanälen enlang verbunden durch Brücken. Der ehemalige Stadtingenieur Ebeltofts H.H. Hansen besuchte einmal Port Grimaud in Südfrankreich und kam mit der Idee zurück, in Oer eine ähnliche Siedlung entstehen zu lassen. Das Architekturbüro Friis und Moltke plante Oer Martim 1985. Gebaut wurde von Ejner Mikkelsen A/S innerhalb von 17 Monaten und im Juni 1988 konnte das Feriencenter seinen Betrieb aufnehmen. Nach einem wirtschaftlichen Tief wechselte der Eigentümer. In 2006 wurde der Komplex für 250 Mio Kronen renoviert, der Zufahrtskanal ausgebaggert und mit  Seiten-Molen versehen.  

Heute wirken die Holzhäuser wieder etwas in die Jahre gekommen. Aber der Hafen bietet guten Schutz, man liegt idyllisch und ruhig von  schöner Natur umgeben. Ein Kaufmannsladen, nahe Busverbindung nach Ebeltoft, fussläufig erreichbarer Fährhafen der Schnellfähre nach Sjaelland, kurzum auch ein idealer Ort das Boot länger unbemannt liegen zu lassen. Ein Aussichtsturm in Hafenmitte lässt einen weiten Rundumblick zu. Nach dem Essen geniessen wir den Abendhimmel vom Turmplateau, dem “Dach von Oer”. Das Dach der Welt bleibt weiter ein Traum.

Auf dem Hafentower in Oer

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1 Comment

  1. Brigitte Matthews

    Glad you made it to the lock in time. As always, your blog is interesting to read. I am picking up all sorts of information for our sailing trip in the Baltic next year.

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