Der Herbst zieht ein. Morgendliche Nebelschwaden, die Spinnen ziehen ihre Fäden an Deck. Die Feuchtigkeit nimmt zu. Tautropfen überziehen das Deck. Wir sind froh nach drei Nächten endlich Lauwersoog verlassen zu können. Das nächste Etmal wird lang. Ein Tiefdruckgebiet wird die Küste erreichen und Winde in Sturmstärke sind zu erwarten. Die Seegaten sind dann Mausefallen. Zig fach rechnen wir unsere Optionen durch. Wilhelmshaven, Hooksiel, Helgoland oder Cuxhaven? Die nächsten Tage werden wir eingeweht sein. Die deutsche Nordseeküste zählt zu den anspruchsvollsten Segelrevieren weltweit. Wer hier Fehler macht, kann diese schnell mit dem Leben bezahlen. Wir wählen die sicherste Option und entscheiden uns für Cuxhaven. Früh laufen wir aus. Alles ist ruhig. Einige Fischkutter sind bereits auf Fangfahrt. Die See schimmert silbrig unter der aufgehenden Sonne, die sich über den Horizont schiebt.

Farbenpracht am morgen

Das genau sind die Momente für die wir unterwegs sind. Ich atme tief ein und geniesse Luft. Diese Weite, das verschmelzen unendlich vieler Farbnuancen von Meer und Himmel. Es ist ein überwältigendes Gefühl, dass sich nicht in Worte fassen lässt. So hört sich der heutige Törn aus der Sicht des Romaktikers an. Der Pragmatiker hingegen

würde so klingen: Man muss Konpromisse machen. Kein Wind, zig Stunden unter Maschine abreissen. Die Luft ist bleiern, die Stunden strecken sich, die tuckernden Motorgeräusche nerven auf die Dauer. Nach einer nahezu ereignislosen Überfahrt bei der lediglich eine riesige Autofähre vor Anker in unserem Track lag, passieren wir um 17.00 Uhr MEZ das Seegat Schluchter. Eine flache Rinne, die wir uns  nur am Flautentag zu trauen. Alles geht glatt und schon bald liegen wir gut vertäut im Hafen von Norderney. Der Hafenmeister begrüsst uns herzlich. Er hat ein gutes Gedächtnis und kennt seine Wiederholungstäter. Die nächsten Tage bläst ein böiger West-Süd-West  Stärke 5-6 und ergiesst seine Schauerböen über dem Eiland. Im Anorak die Kapuze dicht gezurrt geht es gelegentlich zur Westseite, um sich das Wetter Schauspiel anzusehen.

Norderney Strandpromenade

Höhepunkt unserer Inseltage sind die Besichtigung des nagelneuen Seenotkreuzers  Anneliese Kramer und das Vorführ-Spektakel von diversen Rettungsübungen und Fahreigenschaften der Kreuzer sowie des SAR Hubschraubers im Seegat vor der Insel Norderney. Die recht realiistsichen Wetterbedingungen zum Zeitpunkt der Vorführungen geben einen guten Einblick in die gefährliche Arbeit der freiwilligen Vormänner und Frauen der ausschliesslich durch Spenden finanzierten Gesellschaft zur Rettung von Menschen auf See, die bereits seit 1865 viele erfolgreiche Einsätze auf Nord- und Ostsee gefahren hat. 

Nicht nur der selbstlose Einsatz der Rettungsmänner- und Frauen ermöglichst das Überleben Schiffbrüchiger, sondern auch der finanzielle Zufluss der Spender. So konnte der Neubau eines der neusten und modernsten Seenotkreuzers aus dem Vermächtnis von Frau Anneliese Kramer finanziert werden.