Plattboden kreuzen

Ab nach Vlieland. Das wollen sie alle. Wer im Sommer nicht zum Zug gekommen ist, der möchte jetzt hin. Vlieland ist die kleinste der westfriesischen Inseln, die eine Kielyacht bequem erreichen kann ohne die Nacht im Schlick zu hängen. Das Inselklima und die Natur sind schon etwas besonderes. Den Sommer über ist der Hafen oft völlig überfüllt. Damit man dann gar nicht erst losfährt gibt das Hafenbüro täglich den Füllegrad im Internet heraus.

ZER BEPERKT = man kann es ganz vergessen, BEPERKT = hat eigentlich auch keinen Zweck. Aufgeteilt wird nach verfügbaren Plätzen in Metern, so dass jeder für seine Bootslänge einen Überblick hat.

Wir verlassen Harlingen zu früh als dass uns eine Tide hinüber tragen würde. Lieber laufen wir noch gegen die Strömung, bekommen dafür aber einen Platz. Das hat zur Folge, dass wir viel Gegenverkehr im Fahrwasser haben. Es ist Sonntag und anscheinend der Tag für die Braune Flotte ihre Ladungen an Schülern und anderen Gruppen wieder am Festland abzuliefern. Bald wirkt es wie um uns herum wie die Szenen einer Seeschlacht. Mit geblähten Segeln unter Vollzeug wirken die kreuzenden Plattbodenschiffe mit ihren Klüverbäumen bei nächster Annäherung bedrohlich. Wollen sie und aufspiessen? Astarte muss sich dünn machen und Haken schlagend um die Ungetüme manövrieren. Vorfahrtsregeln scheinen ausgehebelt. Tonnage gibt den Ton an. Ein rotes Feuerschiff liegt auf Reede und führt Messungen durch. Da ist Vlieland, ruft Axel. Der schmale Streifen am Horizont. Wenig später tuckern wir in den Hafen, dessen Einfahrt aufgrund der starken Strömung zum richtigen Zeitpunkt angelaufen werden sollte. Mit zwei Knoten haben wir noch ruhige Bedingungen. Noch haben wir die Auswahl und können unseren Platz wählen. Zwei Stunden später laufen die Yachten im Minutentakt ein und es wird jede Lücke besetzt. Und dass in der vermeintlichen Nachsaison.

Vlieland gehört zum Bezirk Friesland. Die 316 Quadratkilometer teilen sich auf in 36 km2 Land- und 280 km2 Wasserfläche. Es gibt heute nur ein Dorf auf der Insel; Oost-Vlieland. Das war vor dreihundert Jahren noch anders. Das Dorf Westvieland fiel der See zum Opfer. Zwischen 1717 und 1727 sorgten Sturmfluten und das generelle Verlagern der Insel (wie übrigens alle friesischen Inseln) von West nach Ost durch das Treiben des Dünensandes und Wandern der Dünen für den Untergang des Dorfes. Die Reste des Dorfes liegen heute ungefähr einen Kilometer entfernt von der grossen Sandplatte im Westen Vlielands, dem Vliehors in der See. Im Jahr 1230 hang Vlieland sogar noch mit dem texelschen Inselteil Eierland zusammen. Der Mensch lebt hier seid Jahrhunderten mit dem Wandel durch die Naturgewalten. Aber er versucht auch dagegen zu halten. Bereits im 13. Jhdt gruben die Klosterbrüder von Ludinga Gräben und Abwasserkanäle. Es war ein hartes und karges Leben geprägt von Landwirtschaft und Fischerei. Die Einwohnerzahl sank im 19. Jhdt auf unter 500 Einwohner, so dass man Überlegungen anstellte, die Insel wieder der Natur zu überlassen. Doch als Küstenschutz für das dahinter liegende Land wurde dann doch mit den Befestigungen weitergemacht. Gut für die heutigen Besucher. Im Sommer ist Vlieland ein Hotspot für Erholungssuchende. 20 km Sandstrand, ausgedehnte Rad- und Wanderwege, die gute Luft und die unverfälschte Natur ziehen die Touristen an. Umstritten bei den Einwohnern ist das jährlich stattfindende Musikfestival „INTO THE GREAT WIDE OPEN“. Die Besucherszene solcher Veranstaltungen passt nicht jedem. Wir haben das Klientel noch am Fährhafen bei der Abreise erlebt. Rucksackbepackt mit Schlafmatte, Dredlocks und Hippi Outfit im Mundwinkel wohl etwas ähnliches wie einen Joint, liegen sie lässig auf dem Boden. Das Festival bringt Geld, bringt Müll… Alles hat zwei Seiten.

Bis auf wenige Fahrzeuge der Einwohner ist die Insel autofrei. Dafür gibt es tausende von Fahrrädern. Unsere zwei kommen bald dazu. Am nächsten Tag starten wir zur Inselrundfahrt. Im Dorf reihen sich Andenken-, Klamottenläden, Fahrradvermieter und Gastronomie aneinander auf der Hauptstrasse. Es ist alles ein bischen zuviel Vermarktung. Doch abseits dieser Schneise gibt es noch Gassen die Ruhe und Ursprünglichkeit ausstrahlen.

Schnuckelig ist das kleine Museum mit dem riesigen Walskelett eines in 2004 gestrandeten Wales. Sein Gebiss ist bedeindruckend. Für einen Planktonfresser sind seine Zähne für meinen Geschmack recht gross und spitz geraten. Da möchte ich keinen näheren Kontakt im Wasser mit haben, entscheide ich und wir radeln weiter. Vor vier Jahren haben wir mit Segelfreunden eine Wanderung zum Vogelschutzgebiet gemacht, die wir noch in schöner Erinnerung behalten haben. Viel hat sich nicht geändert. Hagebutten, Vogelbeeren und Eicheln stehen in Blüte und tupfen hier und da ein rot, orange ins Grün.

Pferde weiden gemächlich auf den Salzwiesen des Waddenufers. Wir fahren soweit wir dürfen, denn der komplette westliche Teil Vlielands mit 24 km2 unterliegt militärischer Nutzung durch die Luftwaffe. Vlieland ist Natostützpunkt mit dem Operationsnamen Cornfield Range. Es wird geschossen mit scharfer Munition und explosive Ladungen werden gezündet. Von 1955 bis 2004 wurde auch ein Kavalerieübungscamp betrieben. Es war das einzige Gebiet in den Niederlanden wo Leopardpanzer scharfe Munition verschossen. Seit 2009 gibt es neue Gesetze, die ermöglichen, dass aus Jagdflugzeugen und Helikoptern bis zu 70 Bomben mit 500 Pfund Gewicht pro Jahr abgeworfen werden dürfen. Vliehors ist auch ein wichtiger Hochwasserrückzugsort für zehntausende Wattvögel. Es sei wissenschaftlich ermittelt worden, dass die Vögel und Robben im Naturschutzgebiet Vliehors sich nicht durch das Milität gestört fühlen. Das Gebiet ist für Touristen nur am Wochenende zugänglich. Am Strand wehen rote Flaggen und Warnschilder mit strengen Texten, dem Hinweis Lebensgefahr mahnen den Besucher sich hier auf keinen Fall weiter nach Westen zu wenden.

Wir wenden uns nach Osten und wandern barfuss am Wassersaum entlang. Auch meine Gedanken wandern. Ist dies eine letzte Oase der Ruhe? Weites Strand, endlose Dünenkette und die See mit fernem Horizont.

Auf den ersten Blick. Doch wie lange noch? Keine Schädigung der Natur durch die donnernden Düsenjets mit ihren Emmissionen? Durch die Menge an Munition und Bomben in Sand, Schlick und Meer, die vor sich hin rotten? Durch die Jeeps die durch die Dünen pflügen? Wie passt das alles zusammen? Warum wird in so einem sensiblen Ökosystem diese massive militärische Nutzung zugelassen? Ist der natursuchende Wanderer wirklich zerstörerischer? Für mich ist Vlieland die Insel der Gegenwart und ein Spiegel des widersprüchlichen menschlichen Handelns auf unserem Planeten. Wann wird das alles zuviel für Vlieland sein?

Zurück am Hafen verladen wir unsere Räder wieder an Bord. Am Abend flanieren wir vorbei an dem vollgepackten Hafenbecken der Plattbodenschiffe. Rechnet man ungefähr 60 Personen pro Schiff, dann sind das jetzt 840 Personen, die alle morgen auf die acht Toiletten gehen werden, rechne ich vor. Am Ufer stehen schon Mietfahrräder bereit. Es sind Mengen.

Ist das auch zuviel für Vlieland, überlege ich. Doch auch wir haben die Insel genutzt. Zwei junge Mädchen in Shorts und T-Shirts kommen uns entgegen. Sie sind sichtlich aufgekratzt. Was seit ihr für ein Verein, spreche ich sie an auf die T-Shirts weisend. Die Blonde antwortet: „Die haben wir selbst designt. Das ist unsere Abi-Abschlussfahrt. Wir sind aus Plauen in Sachsen.“ „Und wie kommt ihr dann auf die Fahrt nach Vlieland, frage ich. „ Hat unser Lehrer vorgeschlage. Er hat die Fahrt schonmal mit einer anderen Klasse gemacht.“ „ Na dann viel Spass“, sage ich. Der Himmel ist sternenklar. Ich schaue nach oben und denke: Hoffentlich verträgt Vlieland noch lange viel.