Weichbild von Durgerdam

Es ist nur ein Katzensprung von Muiderzand nach Amsterdam. Doch die Überfahrt grösstenteils unter Maschine, da das Ijmeer flach ist und wir uns in den tieferen Fahrwassern halten müssen, nimmt trotzdem einige Stunden in Anspruch. Der Seeverkehr ist dicht. Binnenschiffe transportieren Sand und Kies. In schneller Fahrt kommen sie von hinten auf wie eine Herde Elefanten vor denen man sich hüten sollte ihren Weg zu kreuzen. Flusskreuzfahrtschiffe mit festgelaschten Fahrrädern an Deck tragen Banner mit Reklame: Rad und Wasser. Wir nähern uns dem Ij.

Trichterförmig liegt der Meeresarm vor Amsterdam und die Oranjeschleusen regeln die Pegelstände zwischen Ijsselmeer und Amsterdamer „Stadtwasser“. Da das Verkehrsaufkommen auf dem Wasser in den letzten Jahren enorm zugenommen hat, werden Berufsschiffahrt und Sportboote getrennt geschleust.

Die Sportboote sortieren sich in einem Zugangsbollwerk in der Zufahrt zur Schleuse vor, um eine geordnete Reihenfolge zu erreichen. Das ist jedenfalls die Theorie. Brücke und Schleuse arbeiten in Taktung, um den Verkehrsfluss zu optimieren. Nachdem wir die Brücke passiert haben und am Wartebereich eintreffen, ist dieser schon voll belegt, so dass Axel am Steuer das Boot auf Position halten muss. Keine einfach Aufgabe bei kräftigem Seitenwind und Dränglern, die bei uns schon fast hinten drauf hängen. Hatten wie draussen keinen Wind zum Segeln, so haben wir ihn jetzt wo wir ihn nicht brauchen können. Nach einer gefühlten Endlosigkeit geht endlich das Schleusentor auf und allgemeines Vorrücken ist gefordert. Die Mischung aus Trödlern und Dränglern unter den Bootsfahrern erfordert Feingefühl am Ruder, um nicht zurückzufallen, aber auch keinen Crash zu verursachen. Als wir an der Reihe wären einzuschleusen springt die Ampel auf rot. Habe ich es mir schon gedacht, dass wir nicht mehr mitkommen. Also an die Festmacher und warten. Ich springe auf den Steg und belege die Bugleine. Hinter uns wildes Geschrei. Darum kümmere ich mich jedoch nicht. Lass die Leute doch brüllen, ich verstehe sie ja sowieso nicht. Doch plötzlich ruft auch Axel: Leine wieder lösen. Verdutzt schaue ich auf. „ Was soll das?“ Er: „Es geht doch weiter in die Nachbarkammer wo sonst die Berufsschiffe sind. Nun scheint alles ausser Kontrolle geraten zu sein. Da die Kammer viel weiter an Backbord liegt, haben sich etliche Vordrängler am Leitwerk aussen vorbei gemogelt und sind schon in der Schleuse. Die müssen richtig Stoff gegeben haben, denn von den Kais werden Wellen zurückgeschlagen, das Wasser brodelt förmlich. Wir schenken gefährlich nah an anderen Rümpfen vorbei, um weiter Überholer von hinten abzudrängen und unsere Position zu halten. Hier gibt es keine Rücksicht oder Reihenfolge. Gas geben heisst die Devise. Für die Stahlpötte mit ihren Bugspriets, die wie Rammböcke wirken ist ein Ramming ja auch kein Problem. Wenig begeistert bin ich von der Anweisung des Schleusenwärters, dass wir uns zwischen einen Hafenschlepper und ein kleines Binnenschiff quetschen sollen. Der Mitarbeiter der Rijkswaterschap ruddert wild mit den Armen und weist nach vorn. Weiter, weiter, weiter, da ist massig Platz. Meint er! Das Heck des Hafenschleppers steht bedrohlich weit von der Schleusenwand ab, da er sich nur am Bug befestigt hat und hinten mit drehender Schraube hält. Die Bordwand des Binnenschiffes liegt nur 30 cm über Wasserniveau. Für uns sehr ungünstig zum Festmachen. An Bord ist niemand zu sehen, der helfen könnte. Schnell die Fender tiefer einstellen und dann versuche ich mich auf das Schiff herunterzulassen. Ich klettere auf ein Sprossengeländer, rutsche in der Hektik des Manövers ab und mein Schienbein gerät zwischen zwei Sprossen. Autsch, dass tat weh. Fluchend belege ich schnell unsere Festmacher und reibe mein Schienbein. Zum Glück nur ein blauer Fleck und nichts gebrochen. Dann entdecke ich hämisch grinsend das Deckspersonal hinter dem Aufbau hervorlugen. Hier konnte man nicht, sondern wollte nicht helfen! Noch unverschämter wird der Käptn als die Schleusung beendet ist, aber wir noch den Schlepper vor uns haben und das Tor noch nicht mal halb auf ist. Da rauntzt er uns an: „ los, los, los. Wir sollen loswerfen und rausfahren. Wir lassen uns nicht beirren und halten die Leinen stramm, da wir durch das Schraubenwasser  des Schleppers wie ein Spielball herumgedrückt werden. Die Flüche unseres Schleusennachbarn hinter uns lassend motoren wir aus der Schleuse, vor uns die Kulisse von Amsterdam. Einige Minuten später überholt er uns unter Volldampf. Wir setzen unsere Fahrt auf dem Ij fort und lassen noch etliche Ungeduldige an uns vorbeirasen, während wir die Uferszenerie in uns aufnehmen.

Auf dem Ij
Kreuzfahrtterminal Amsterdam

Bald biegen wir in den Stichkanal vom Vereinshafen Aeolus ein und werden vom freundlichen Hafenmeister empfangen, der uns an unseren Platz im Päckchen an einer holländischen Stahlyacht aus Makkum dirigiert. Erschöpft lassen wir uns ins Cockpit fallen. Jetzt ist erstmal ein Kaffee fällig. Das Hafenbecken ist eine ruhige, begrünte Oase umrahmt von Appartmenthäusern, abseits des vielbefahrenen, lärmigen Hauptverkehrsstroms Ij.

Im Vereinshafen Aeolus Amsterdam