Mittlerweile finden wir uns im Zentrum sehr gut zurecht, da wir nahezu jeden Tag zu Fuss unterwegs sind. Wir haben Zeit und wollen die Fassaden, Details, das Warenangebot, ja die Menschen in der Stadt aus nächster Nähe sehen. Anders als die meisten Touristen, die mangels Zeit im Schnelldurchlauf mit den Hop on/off Bussen oder anderen Rundfahrten die Stadt erleben. Eine Vielzahl der roten Touri-Busse karrt die Massen zu den High-lights. Im Open Top Bus sehen wir wie sich ab und zu ein Tourist erhebt und im Vorbeifahren schnell einen Schnappschuss macht. So geht es um die ganze Ostsee rum.Heute Tallinn , morgen Sankt Petersburg und übermorgen Helsinki. Ob man da noch weiss wo man grade ist?
Wir haben das Glück unabhängig von diesen engen Zeitplänen zu sein und können unsere eigenen Wege gehen. Ist es doch schon manchmal schwer in der Hauptreisesaison noch ruhige Ecken zu finden, so gelingt es uns aber meistens doch.
Heute hoffen wir die Felsenkirche möglichst ohne die Hop on/off Horden zu erleben.

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Der Anmarsch geht quer durch die Stadt. Wieder ist es heiss und wir nehmen die Strecke durch uns schon bekannte kühlende Parkanlagen. Immer wieder erfreuen wir uns an den Jugendstilfassaden, des in Hafennähe gelegenen Viertels Eira. Wir entdecken jeden Tag etwas neues.
Hier einen Drachen, der speiend von einer Hauswand herabblickt, aber nicht zuviel
anstellen kann, ist er doch zu Stein erstarrt. Fratzen, grinsend oder drohend, Fackelträger, Türmchen, Erker, Ornamente, Pflanzendekore wie Teichblumen oder Butterblumen, goldene Hähne,Farne, Kegeldächer, romantische Balkone. Die Aufzählung liesse sich endlos fortsetzen. Phantasie und Liebe zum Detail dieser Ära stehen in starkem Kontrast zu den heutigen Funktionsbauten, die nüchtern und leblos erscheinen während diese historischen Fassaden dem Betrachter Geschichten erzählen, ja ihn förmlich mitnehmen auf eine Traumreise.
So äugt z.B. vom Dach des Physiologischen Instituts der Universität von Helsinki
die Eule der Minerva, der Göttin der Weisheit.
Vorbei am Forum Einkaufszentrum und dem mondänen Hotel Kämp, geht es weiter durch volle Einkaufsstrassen über die grosse Ausfalltrasse Mannerheimintie, benannt nach dem Staatspräsidenten Marschall Carl Gustav Mannerheim (1867-1951).
Mitten in einem Wohnviertel umgeben von hohen Häuserblocks liegt die Tempelkirche. Von aussen sehr unscheinbar, hätten wir den Eingang fast nicht gefunden.
Im Rahmen eines Architekturwettbewerbes haben sich die Brüder Timo und Tuomo Suomalainen mit ihrer Idee nicht in die Höhe zu bauen, sondern die Kirche in den Granitfelsen zu sprengen durchgesetzt. Die Felsenkirche wurde 1969 eingeweiht und erhielt sowohl im In- und Ausland sofort viel Beachtung.
Im Inneren wird der Raumeindruck bestimmt vom rauen Fels und der mit Kupferdraht verkleideten Dachkuppel, die schwebend wirkt, da sie durch ein Lichtband vom Felsenrund getrennt wird.
Betonrippen halten das Dach und unterbrechen die Glasfenster. Die Akustik soll fantastisch sein, so dass die Kirche häufig für Konzerte genutzt wird.
Purpurfarbene Bestuhlung bildet einen dezenten Kontrast zum grauen Granit.
Wir treten ein und können das Licht förmlich spüren. Es scheint als wenn es durch einen hindurch fliesst. Leise Orgelmusik ertönt. Wir haben Glück und es ist nicht sehr voll.
Leise setzen wir uns in eine Reihe und nehmen die besondere Raumwirkung in uns auf. Ein architektonisches Meisterwerk mit Seltenheitswert. Diese Kirche kann man wahrlich als Ort der Besinnung bezeichnen. So bleiben wir fast eine halbe Stunde sitzen und geniessen die feierliche Stimmung.

Am Ausgang ist ein Regal platziert mit Kärtchen, auf denen Gedenksprüche in vielen Sprachen wie z.B. dänisch, schwedisch, finnisch, nepalesisch, farsi, hindi, englisch, isländisch und noch viele viele mehr festgehalten sind. Eine schöne Idee.
Grade als wir die Felsenkirche verlassen, kommt eine grosse Gruppe Touristen schnaufend die Straße hoch. Der Reisebus hat sie an der nächsten Ecke ausgespuckt, da er diese Strasse nicht befahren darf. Wir sind froh nicht im Massenpulk hier gewesen zu sein.

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