Kriegsrest wird Kunstobjekt

Es ist mein Geburtstag und ich darf heute auswählen was wir machen. Die Ereignisse und die Geschichte der Operation Dynamo lassen mich nicht mehr los. Wir radeln nach Malo les Bains, der Kur- und Badeort von Dunkerque. 

Belle Epoche Häuser reihen sich aneinander. Grösser könnte der Kontrast zum vom Industriehafen geprägten Dunkerque nicht sein. Ruhige Strassen mit Bürgerhäusern aus Backstein reich verziert oder farbenfroh verputzte Fassaden mit eleganten Frauenköpfen bilden den Ortskern von Malo les Bains.

Eine breite Promenade hinter dem breiten Strand mit Cafes, Restaurants und Hotels, Badehäuschen ergänzen den Kurort.

Strandsegler beherrschen das Bild. Hier ist man am, im oder auf dem Wasser oder in der Luft.

Wir radeln am Ufer entlang bis es nicht mehr weiter geht und bei Leffrinckoucke die Dünenketten den Weg versperren. Ein Netz von Wanderwegen durchzieht den Nationalpark. Wir wenden uns ins Hinterland, da wir nicht mit den Rädern durch den tiefen Sand fahren wollen. Schattenspendende Wälder wechseln sich mit landwirtschaftlich genutzten Flächen ab. Statt vor dem Fort landen wir vor einem historischen Krankenhaus, das aber heute noch in Betrieb ist. Es ist heiss und windig. Ich quengele, dass ich endlich Bunker sehen will. Die sind hier nicht und man kommt nur zu Fuss hin. Axel zeigt mir die Bunker stattdessen auf seinem Handy. Er hat sie schon beim Joggen fotografiert. Dann gebe ich nach und wir einigen uns darauf noch zum Wrack der Crested Eagle zu laufen. Nach einem kleinen Picknick schliessen wir die Räder ab. Windgleiter nutzen den Aufwind an der Dünenkette und segeln unaufhörlich zum Greifen nah vorbei.

Der Strand ist breit. Wir haben Niedrigwasser. Am Spülsaum entdecken wir etwas Dunkles und halten darauf zu. Bald erreichen wir die spärlichen Überreste des ehemaligen britischen Raddampfers. Eigentlich im Liniendienst auf der Strecke London Ramsgate eingesetzt war der Raddampfer der erste Dampfer mit ölbetriebenen Boilern. Das Schiff wurde bei J. Samuel White & C. Ltd in Cowes auf der Isle of Wight gebaut. Ihren Dienst nahm sie 1925 auf.  Abmessungen: 91,34 m x 10,25 m. Am 29. Mai 1940 lag die Eagle auf der Aussenseite Dunkerques Ostmole, um Truppen aufzunehmen. Um 18.00 Uhr legte das Schiff ab und befand sich querab von Malo les Bains, als bei einem Stukaangriff nach einigen Blindgängern doch das Achterdeck und später auch die Öltanks getroffen wurden. In Kürze war der Dampfer ein  Feuerinferno. Lieutnant Commander B.R. Booth musste das Schiff am Strand von Zuydcote auf Grund setzen. An die 300 Menschen starben. Seit diesem Tag liegt das Schiff am Strand. In den fünf Jahren deutschen Besetzung zerlegten die Deutschen das Schiff und entnahmen alles verwertbare Material. Niemand weiss genau wieviele Soldaten und Zivilisten ihr Ende fanden. Wind und Wellen haben die wenigen Überreste immer mehr zerkleinert. Doch was übrig blieb, soll für immer in Gedenken an die Gefallenen an diesem Ort ruhen, findet die Gemeinde.

Überreste der Crested Eagle