Ich stecke den Kopf aus der Lucke. Es ist stockfinster. Trotzdem erkenne ich im Schein der Hafenbeleuchtung und der Schiffsscheinwerfer der ersten Fischkutter, die sich auf ihre frühe Fangfahrt vorbereiten,  NEBEL. Das fehlt uns grade noch. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier.

An sich ist die Gegend um das Kap Gris Nez ohnehin schon eine schroffe unwirtliche Küste wo man sich keine Fehler erlauben sollte. Mein Magen nimmt bereits Notiz von der ungemütlichen Sachlage und meldet sich mit einem leichten Brennen der steigenden Aufregung geschuldet. Sollen wir die Sache nicht abblasen? Da jetzt raus? Was ist, wenn wir eine Fischboje auflesen und diese am Ruder hängenbleibt? Was ist, wenn der Motor ausfällt? Was ist wenn wir vom Kurs abkommen? Was ist wenn das Radar ausfällt? Was ist wenn….. Meine destruktiven Gedanken werden unterbrochen. „ plllllinnnng, pling, pling. Der Wecker schrillt erneut. Ich hangele mich die Stufen herunter und stoppe den schrillen Ton. Vielleicht schläft Axel noch und wir fahren heute nicht, hoffe ich schon innerlich. Doch er ist schon aufgesprungen und switched die Kaffeemaschine an. Auf mein vorsichtiges Fragen:“ Sollen wir nicht nochmal überlegen …“ Knapp antwortet er:“ Wir fahren.“ So begebe ich mich in mein Schicksal wie ein Maulesel, dem zuviel Gewicht aufgeladen wurde und streife mir Seestiefel und Segelanzug über. Also auf in den Kampf. Meine Zuversicht stärkt sich, als noch ein zweiter Segler die Leinen löst und eine Viertelstunde vor uns ablegt. Im Schutz des Hafens und bei der guten Ausleuchtung durch die vielen Scheinwerfer am Ufer sind die Manöver kein Problem. Im Vorhafenbecken umhüllt uns die Dunkelheit. Hier fällt es deutlich schwerer sich zu orientieren. Die Luft ist feucht. Ein Fischkutter folgt. Ab und zu erhellt der Leuchtturm auf der Aussenmole mit seinem Lichtkegel die Szenerie. Gut, dass wir die Einfahrt am Vorabend bei Helligkeit verinnerlicht haben und insofern das Fahrwasser mit seiner Betonnung noch vor Augen haben. 

Der Strahl durchdringt den Nebel nur kurz. Wir sind beide aufs äusserste angespannt und folgen dem Fahrwasser mit Hilfe des Plotters. Eine Orientierung nach Sicht ist kaum möglich. Die Wellen schlagen an den Rumpf. Das Wasser gluckst als würden unsichtbare Hände nach uns greifen und das Schiff in einen tiefen schwarzen Abgrund ziehen wollen. Jetzt fokussiert bleiben und auf alles gefasst sein. Endlich wird es langsam hell und auch der Nebel bleibt hinter uns zurück. Glücklicherweise scheint er über den Uferfelsen festzuhängen. Ich stosse hörbar Luft aus. Wie auf einer Achterbahn geht es durch querlaufende Kreuzseen dem Kap entgegen. Langsam gewöhnen wir uns an den Rhythmus und sind froh, dass wir einen guten Segelwind aus dem achterlichen Sektor haben. Bald taucht Kap Gris Nez auf. Fels, ein Leuchtturm, sonst nichts. Schroff liegt es da und froh sind wir es hinter uns zu lassen. Diese Ecke möchten wir nicht bei Sturm erleben.

Cap Gris Nez

Nun wird die Wasserfarbe wieder grau. Calais liegt am Horizont. Eine Fähre schiebt sich an uns vorbei. Das Meer wird friedlicher. Die Schiffsbewegungen harmonischer. Die Felsen weichen einer endlosen Sandküste.

In der Ferne sehe ich bereits die Gasflamme der Dünkirchener Industrieanlagen. Der Abschnitt zieht sich. Parallel zu einer schier endlosen Ansammlung von Rohrsystemen, Silos, Kränen, Schüttgut, Hallen segeln wir von Tonne zu Tonne im Innenfahrwasser zwischen Küste und Sandbänken.

Ab und zu zieht ein scharfer chemischer Geruch herüber. Schornsteinschlotte entlassen weissen Rauch in den blauen Himmel. Welcher Kontrast zur wunderschönen Kalksteinküste von Eastbourne.

Einfahrt nach Dunkerque