Grade kommen wir mit den Rädern aus der Stadt und entdecken eine aufgelaufene Yacht an der Hafenmole. Zum Glück sind die Wetterbedingungen mild. Schaulustige, die gleich den Vorfall in facebook posten fotografieren wild mit Ihren Handys. Von einem britischen Ehepaar, dass hier auf Urlaub ist, erfahren wir Details.

Fest gekommen

Mehrere Schiffe haben vergebliche Schleppversuche abgebrochen. Das Boot liegt schon einige Stunden hoch und trocken. Wir haben ablaufendes Wasser und der Segler hat keine andere Chance als stark geneigt eine Kaffeepause von noch mindestens weiteren vier Stunden einzulegen. Die Marinacrew fährt mit dem Schlauchboot raus und bemüht sich vergeblich. Der Kiel sitzt wohl fest im Mud. Bei einem Ausweichmanöver soll der Skipper in die missliche Lage gekommen sein. Wir haben am Vortag nur wenige Meter mittiger im Fahrwasser mit letztem Licht die identische Einfahrt befahren. Wir hatten allerdings eine höhere Tide zum Ankunftszeitpunkt. Wir nähern uns der Springtide auf ihrem Höhepunkt und haben extreme Wasserstandsunterschiede. Der Segler ist aber nicht bei Niedrigwasser aufgelaufen, sondern bereits 2h vorher. Diese Untiefenstelle bzw das Fahrwasser generell sollte besser markiert sein. 

Das Touristen Paar wird redselig. Zufällig ist er ein Wreck Spotter. Sein Hobby besteht darin, sich Wracks anzuschauen, die bei Ebbe sichtbar werden. So bietet das Ereignis des aufgelaufenen Seglers einen zufälligen Einstieg in eine Geschichte, die mir der Wrack Fan eifrig an Hand des  dazugehörigen ausgerissenen Zeitungsartikels referiert:

Schauen Sie mal dort rüber,  sehen Sie die drei dunklen Umrisse, die sich aus dem Wasser erheben? Ja ich sehe sie. Das sind die ehemaligen Boiler des Handels Dampschiffes SS Barnhill. Bis heute hat man die Überreste liegen lassen als Mahnmal und Gedenken an die Opfer des WW2. In der Seekarte werden die Wrackreste nur als „Debris“ erwähnt. Welche menschlichen Tragödien sich in der Bucht von Pevensey abgespielt haben, als an den Bau einer modernen Marina noch nicht mal im entferntesten gedacht wurde, bleibt dem Sportschiffer damit im Normalfall verborgen. Ich erfahre nun was sich abgespielt hat.

Am 20. März 1940 um 22.30 Uhr attackierten deutsche Bomber die SS Barnhill drei Seemeilen südwestlich des Kaps Beachy Head. Ein Bombenregen ging nieder und eine der Bomben traf das Deck des Handelsschiffes. Im Frachtraum vier explodierte eine weiter Bombe. Vier Besatzungsmitglieder starben sofort und viele wurden verletzt als die Holz – und Karbitfracht in die Luft flog. Feuer breitete sich aus, ergriff den Maschinenraum, das Schiff machte Schlagseite nach Steuerbord. Das holländische Handelsschiff Southport nahm den SOS Ruf auf und eilte zur Hilfe. Achtzehn Mann konnten durch sie gerettet werden. Das RNLI Lifeboat Jane Holland aus Eastbourne übernahm die Geretteten und konnte weiter zehn Schiffbrüchige an Bord ziehen. Sie wurden versorgt und an Land gebracht, aber schnell merkte man, dass noch Crew vermisst wurde. Mein Erzähler räuspert sich, seine Stimme klingt verschwörerisch und er geniesst sichtlich die Spannung. Nach einer Kunstpause setzt er wieder ein: Auch der Kapitän O` Neil der Barn Hill war unter den Vermissten. Ein weiteres Schiff, der Schlepper Foremost eilte zur Hilfe. Als es sich längsseits der in Flammen stehenden Barn Hill befand, hörte die Crew deren Schiffsglocke läuten. In einem Flammenmeer so hoch wie ein Doppeldecker Bus lag der Kapitän schwer verwundet an Deck und hatte das Tau der Schiffsglocke zwischen den Zähnen. So läutete der wild um sein Leben. Thomas Allchorn und Alec Hugget vom RNLI Lifeboat riskierten ihr eigenes Leben, um den Kapitän an die rettende Küste zu bringen. Das Wrack des Handelschiffes wurde nach der erfolgreichen Evakuierung 275 m von Langney Point gestrandet. Später bracht der Rumpf in zwei Teile. Die restliche Ladung trieb heraus und die Bewohner Eastbournes konnten ihre kargen Kriegsrationen in den folgenden Tagen mit einigem Brauchbaren aufstocken. Die beiden Seeleute des Eastbourne Life Boats Jane Holland wurden geehrt für ihre mutige Rettungsaktion. Ich bedanke mich bei meinem Redner für die Geschichte und werfe einen letzten Blick zu den dunklen Umrissen im Wasser. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, so fesselnd war der Bericht und versetzte uns 78 Jahre zurück in eine Zeit des Schreckens und der Gewalt. Das soll sich hoffentlich nie mehr wiederholen. Wie friedlich liegt der Strand heute da. Watende Angler, Segler, Spaziergänger geniessen die Natur. So soll es bleiben, finde ich.

Ausfahrt bei Ebbe