Dover Granville Dock

Knappe neun Stunden  benötigen wir für das Leg nach Dover. Das Herausarbeiten aus der Themsemündung war ganz schön mühsam. Der stramme Nordoster machte das Auskreuzen in den engen Fahrwassern bei ablaufender Tide nicht grade gemütlich. Entspannter wurde der Kurs allerdings auch auf dem Kurs nach Rundung des North Foreland Leuchtturms nicht. Rollend ging es unter Genua und Besan Richtung Westen. Trotzdem ein gelungener Segeltag.

South Foreland Leuchtturm bei Dover

Nach Anmeldung bei Dover Port Control schlingern wir mit Karacho durch die West Einfahrt zwischen den Breakwatern. Es bläst ganz schön und im Nu stehen wir vor einer Wand. Ich rufe:“ das ist doch eine Sackgasse.“ Die hohen dunklen Kaimauern kommen bedrohlich näher. Im Hafen von Dover hat sich einiges verändert. Die Marina Einfahrt ist provisorisch verlegt, da eine Grossbaustelle Raum fordert. Arbeitsschiffe, Bagger, Bauarbeiter und Flurförderfahrzeuge rattern und tuckern umher. Es staubt und lärmt. Ohne neue Karten hätten wir rein optisch die schmale versetzte Zufahrt kaum gefunden. Wir werden auf einen Platz im Granville Dock verwiesen. Nach dem Aufklaren entere ich die Gangway hinauf auf dem Weg zum Hafenbüro. Ein Paar mit Fahrrädern spricht mich gleich mit hello an. Ich schaue irritiert und weiss nicht wer sie sind. „ Do you not remember us from the last port?“ Ach wer soll das den bloss sein, überlege ich. Dann fällt der Groschen nach einigem Nachhelfen. Es sind Loraine und Konrad, das amerikanische Paar auf Langfahrt. Sie gehen morgen gleich weiter nach Brighton in einem Rutsch. Wir richten uns unterdessen auf eine Pause ein, denn der Wind wird noch weiter aufdrehen und dann kann es auf dem kommenden Küstenstrich recht stürmisch werden. Dover hatte ja schon immer einen eigenwilligen Charm.

Das  Strandgebiet, die Promenade mit Blick auf die imposante Festungsanlage ist modernisiert worden und hübsch bepflanzt. Doch wehe man bewegt sich durch die Unterführung über die Highstreet zum sogenannten Zentrum. Regelrecht blockweise stehen etliche Läden leer. Man kann fast sagen eine komplette Seite des Strassenzuges. Sonst nur Billigstramsch und völlig verblichenes Zeug aus der Steinzeit im Angebot. Je weiter nach hinten geht um so ärmlicher und dreckiger wird alles. Wir wirken absolut fehl am Platz zwischen den huschenden Gestalten, die sich hier auf Heimatterrain befinden. Schnell hasten wir zum nagelneuen Aldi, der im starken Kontrast zu seinem Umfeld in der typisch deutschen Einheitsaufmachung, rationales Kartonformat mit blauen Stahlträgern und Alu, steht. Den Rückweg versuchen wir ohne Blickkontakt zum lungernden Volk, dass sich in seiner Perspektivlosigkeit bereits aufgegeben hat, schnellen Schrittes zu bewerkstelligen, so dass wir möglichst keine Aufmerksamkeit mit unseren vollen Rucksäcken erzeugen.

Den Abend verbringen wir in gemeinsamer Runde mit einem netten  Seglerpaar aus Schotland, dass die nächsten Tage ebenfalls weiter nach Westen segeln will. Sie hängen wegen einer Reparatur am Vorstag schon eine Woche in Dover. Das Hauptthema unter Seglern ist natürlich das Wetter. Das optimale Zeitfenster für die Weiterfahrt zu erwischen und den Spagat zwischen mitlaufender Strömung, optimalen Windverhältnissen und engen Zeitfenstern, die nur zur Ausfahrt aus dem Dock zur Verfügung stehen (ein Drempel kann nur zu einem bestimmten Wasserstand überfahren werden) zu schliessen, bietet genügend Diskussionsstoff.

Wellington Dock, im Hintergrund Dover Castle