Wir wollen  nur noch weg. 5.00 Uhr morgens hoch am Wind geht es mit ablaufendem Wasser den Crouch hinab. Teils unter Maschine, teils segelnd, stets wachsam und konzentriert auf die nächste Tonne. Ein Fehler im Kurs kann hier schnell in einem Desaster enden. Die Gegend ist menschenleer, wirkt unwirtlich. Der stramme Nordoster pfeifft uns um die Ohren. Es gibt bessere Orte wo man um diese Zeit sein könnte.

Nach einer schier endlosen Fahrt zwischen den Sänden erreichen wir endlich den Wendepunkt: Untiefentonne INNER WHITAKER. Wir schwingen herum und hören die Nebelglocke.

Untiefentone Inner Whitaker Sandbank Crouch

Spukgeschichten schwirren mir im Kopf herum von Seemannsleichen, die  sich aus den Fluten heben und nach uns greifen. Hier sind keine lebenden Seelen, sondern nur die derer die auf See geblieben sind. Ihr Schicksal wurde besiegelt an dieser tückischen Küste, wo ein Rahsegler sich bei auflandigem Wind, wenn er den Sänden zu nahe kommt, sich kaum noch frei segeln kann. Die starke Strömung versetzt den Rumpf dann unerbittlich auf die Sände. Dort einmal festgekommen ist selbst das stärkste Schiff nicht mehr zu retten. Die Kraft der Wellen zerschlagen es. Doch Zeit für spukige Träumerei bleibt nicht. Kaum schwingen wir um die Tonne herum und wähnen uns auf dem angenehmeren Raumschotkurs, da ertönt ein dumpfes Grollen. Eine Gewitterfront zieht auf. Der Wind legt zu auf Böen bis 32 Knoten, zum Glück aus achterlicher Richtung. Das Wasser ist aufgewühlt. Der Himmel ist eine milchig weisse Suppe, die ab und zu von entfernt zuckenden Blitzen durchzogen wird. Kein Schiff weit und breit. Es ist gespenstisch. Bei jedem Donnerknall zucken wir zusammen. Schnell haben wir die Segel stark verkleinert und hüten uns Wanten und Steuerrad anzupacken soweit es möglich ist. Wir schalten alles an elektronischen Geräten aus auf die wir verzichten können. Jetzt sind wir den Elementen ausgeliefert. Wie aus Kübeln schüttet es inzwischen. Der Regen füllt die Schwalbennester im Cockpit. Alles ist pitschnass. An eben diesem Tag war in Deutschland auch Gewitter und Land unter. Die letzte Erfahrung mit annähernd derart viel Regen war im Caledonischen Kanal. Es ist schon ein heftiger Regen, wenn wir 3mm Wasser von oben herunterprasselt, wir hatten an diesem Tag nach Vorhersage 19 mm (siehe Screenshots).

Hätte ich doch den kleinen leichten Zacken des Barographen ernst genommen. Stets ein Anzeichen für eine Entladung der Elektrizität in der Luft. Der breite Strom der Themsemündung ist auch bei sommerlichem Kaiserwetter schon ein anspruchsvolles Revier. Jetzt haben wir Land unter! Vorsichtig hangeln wir uns von Tonne zu Tonne und nähern uns dem Verkehrstrennungsgebiet Yantley in dem die grossen Pötte laufen. Bis auf einem Tanker scheint die See wir leergeblasen. Die Verkehrszentrale am Sherness Point  wirkt düster. Schemenhaft taucht die dunkle Masse zwischen den Regenbändern auf. Medway VTS hat uns auf dem AIS erkannt und meldet den anderen Schiffen, die klar zur Ausfahrt sind, die Verkehrssituation: „Sailingvessel Astarte approaching inbound.“ Nach dieser schrecklichen Nacht wollen wir wieder ruhig schlafen und entscheiden uns noch den River Medway weitere 12 Seemeilen hinaufzulaufen bis zur ersten Marina. Vorsichtig kriechen wir dicht an riesigen Kränen und Überladebrücken entlang.

Mittlerweile hat die Häufigkeit der Blitze zugelegt. Wir hoffen dadurch nicht mehr höchstes Objekt der Umgebung zu sein. Erschöpft aber erleichtert sind wir, als sich die Schleusentore der Gillingham Marina hinter uns schliessen und in einem rauschenden Strahl knapp vor unserem Bug das Wasser einschiesst (neben dem, welches von oben kommt). Der Schleusenwärter begrüsst uns und weist uns einen Platz zu. Im Hafenbecken sind zwei Taucher im Wasser. Sie stört das Wasser von oben natürlich nicht. Hilfsbereit erscheint ein Segler im Short und nimmt unsere Leinen an. Nun pitschnass klettert er wieder in sein Schiff. Wir installieren die Kuchenbude über dem Cockpit, um einen Trockenraum für unsere durchnässten Segelanzüge zu haben. In Axels Schuhen steht förmlich das Wasser. Ich bin mit Aufhängen und Trockenwischen beschäftigt, da geht es nun erst richtig los. Was wir draussen erlebt haben war nur der Auftakt. Der Himmel öffnet sein Pforten. Alles verdunkelt sich und ein weiterer Regenschwall prasselt stundenlang auf Deck. Im Radio wird gemeldet, dass er Flugverkehr in Gatwick zeitweise lahmgelegt ist. Die Flugzeuge können nicht betankt werden. Der Heizlüfter kämpft gegen die Feuchtigkeit. Wir sind müde und bereits um acht Uhr abends in der Koje. Ein aufregender Tag ist zu Ende.