Trockengefallen an der Mooring im River Orwell

03.50 Uhr – drrrrrr, drrrrr, drrrrrr…..Ich greife auf die Ablage und schalte den Snoozer aus. Jetzt nochmal umdrehen für 10 Minuten. Aber Axel springt schon auf und sagt: „ Los auf!“ Wie ungemütlich. Augen reiben, Katzenwäsche und ab in die Klamotten. Die Feuchte der Nacht hängt noch in der Luft und vermischt sich mit dem Dampf des Teewassers, dass Axel schon gekocht hat. Ich klare das Deck auf und melde nach fünf Minuten: „ Wir sind klar zum Ablegen.“

Exakt um 4.20 Uhr erreichen wir die Barre an der Hafenzufahrt, nachdem wir uns bei zum Glück Windstllle Hand über Hand mit unserem Heck an dem gegenüber liegenden Hinterlieger mit einem Abstand von 20 cm entlang gezogen haben. Wie soll man hier bei Wind manövrieren fragen wir uns? Doch für solche Überlegungen bleibt keine Zeit, denn die Ausfahrt wird aufregend. Der Tiefenanzeiger geht auf 1,70 m runter. Geht das überhaupt fragen wir uns bei einem Tiefgang von 1,9 m? Grade noch rutschen wir aus dem Hafen und errechnen einen Tidenhub über Chart Datum von 70 cm. Wir hätten keine zehn Minuten später hier sein dürfen, dann hätten wir bei ablaufendem Wasser festgehangen. Während Astarte die spiegelglatte Wasseroberfläche des Orwell durchpflügt, erholen wir uns beim Sonnenaufgang und der einmaligen Ruhe dieser Morgenstimmung von der aufregenden Ausfahrt.

Der morgendliche Nebel lichtet sich und bereits um 7.00 Uhr befinden wir uns wieder auf offener See im Medusa Chanel. Auch hier ist es flach. Vorsichtig manövrieren wir unter Maschine um die Sandbänke. Wind will sich heute nicht einstellen. Nach einigen erfolglosen Segelmanövern finden wir und damit ab, dass der Jockel den ganzen Tag läuft. Unser geplantes Ziel den River Blackwater erreichen wir bald. Die Landschaft ist reizvoll und etliche Mooringlieger säumen die Ufer. Nachdem wir bereits am Morgen verschiedene Häfen abtelefoniert hatten und dort verschiedene Aussagen zur Tiefe im Hafenbecken erhalten hatten, entscheiden wir uns für zu Zufahrt nach Heybridge. Aber so ganz wohl ist uns nicht. Die Barren und Sandbänke in den Einfahrten sind teils mit 2,1 Metern über CD (Chart Datum) angegeben. Spontan entscheidet Axel: „ das ist doch alles zu heikel, wir drehen um.“ Nun geht es wieder auf See hinaus. Doch wir haben die Strömung gegenan. Jetzt sind wir aus dem idealen Zeitfenster heraus und müssen nicht nur bei der endlos erscheinenden Ausfahrt aus dem Blackwater gegenan, sondern auch im nächsten Fluss, der tiefer ist passt es auch nicht mehr. Aber an dieser unwirtlichen sandigen flachen Küste ist kein Unterkommen. Wir müssen weit in den River Crouch hinein, um Schutz für die Nacht zu finden. Der aufkommende Wind hilft wenig. In den engen Fahrwassern zischen den Sandbänken können wir nicht segeln. Gegen drei Knoten Strömung müssen wir uns kämpfen. Die Landmarken wandern nur langsam aus. Die Umgebung ist nichtsagend. Keine lieblichen Flussufer, sondern eher kanalisierte befestigte Uferböschungen wie am Rhein. Wasser grau, Himmel grau. Wir sehen einen Seitenarm, den River Roach mit einigen Ankerliegern und entscheiden uns auch zu ankern, um schnellstmöglich aus der starken Gegenströmung zu kommen. Vor Anker glauben wir zunächst gut und ruhig zu liegen, doch das sollte eine Fehleinschätzung sein.

Nach und nach verlassen Motorboote und zwei Segler das Ankerfeld. In einiger Entfernung hat sich noch ein kleiner Segler und ein Motorboot hingelegt. Die Umgebung wirkt verlassen. Am Ufer Warnschilder, die militärisches Sperrgebiet anzeigen. Möwen, trockengefallenes Watt, scharfe schwarz aus dem Wasser blitzende verrottete Holzpflöcke, sonst nichts. Der Wind zieht an und kleine Wellen platschen gegen das Heck. Draussen gibt es nichts zu sehen, also widmen wir uns dem Kochen und Aufräumen. Die Nacht wird ungemütlich. Die Ankerkette knarzt unaufhörlich. Ständig läuft das Schiff über seine eigene Kette, dreht dann wieder, nimmt Fahrt auf. Wir bekommen kein Auge zu. Das ständige drehen des Schiffes macht einen mürbe. Ein mulmiges Gefühl lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Die Ufer scheinen näher zu rücken. Jede Stunde schleichte ich zu den Instrumenten: Rundumblick, Tiefenmesser an; nur 2.1 m; wann geht es denn endlich wieder rauf, denke ich mir; Tiefenmesser aus, Blick auf den Barograph. Hoffentlich bleibt die Kurve ruhig, schiesst es mir durch den Kopf. Übermüdet verziehe ich mich schliesslich in den Salon. Hier bekomme ich gegen 4.00 Uhr morgens endlich etwas Schlaf. Wir liegen ungünstig in einer Wind- und Strömungsschneise wo beides durch den Verlauf der Ufer noch beschleunigt wird. An frühen Morgen haben wir beide nur einen Wunsch: Schnellstens hier weg. Leicht benommen mit einem schweren Kopf führe ich wie automatisch die üblichen Handgriffe aus. Das Nachdenken kommt später.  Der Anker geht auf!