Für heute ist ein Ausflug am River Orwell geplant. Die abgesegelte Strecke wollen wir auf einer Teilstrecke am Flussufer zu Fuss erkunden. Axel recherchiert die Busverbindungen und meint: „Elf Uhr neunzehn fährt die Linie 202 zur Marina Shotley“. Nach dem Frühstück geht es im Wanderoutfit zur Bushaltestelle. Die schwülheisse Luft steht. Wir prüfen am Fahrplanschild nochmal die Zeiten. Ich frage: „ Wie spät ist es jetzt eigentlich?“ und schaue aufs Handy. Dies zeigt mir 10.15 Uhr an. Na das geht ja gut los heute. Der Bus kommt erst in einer Stunde. Wir haben unser Glasenuhr im Salon noch nicht auf British Summer Time umgestellt und uns daran orientiert. Also erstmal wieder zurücktigern. Beim zweiten Anlauf eine Stunde später geht es los. Wir sind die einzigen Gäste im Bus. Er schaukelt uns vorbei an grünen Wiesen, Feldern durch kleine Dörfer. Zuerst geht es ein Stück am Flussufer entlang.

An der Endstation Shotley Marina steigen wir aus, nicht ohne vorher

vom Fahrer noch detailiiert über die Abfahrzeiten des letztes Busses informiert zu werden. Es ist Wochenende und die Gegend ist einsam. Man sollte sich also an den Zeitplan halten. Am Shotley Pier werfen wir einen kurzen Blick in das ulkige Museum HMS Ganges mit seinem Sammelsurium an maritimen Devotionalien. Hier stehen denn auch zwei originalgetreue Marineveteranen hinter dem Tresen und geben bereits Seemannsgarn zum Besten. Wir müssen über das Schleusentor der Shotley Marina zum Einstieg in den Arthur Ransome Trail. Ein schmaler Wanderweg dicht am Flussufer, der benannt nach dem berühmten britischen Kinderbuchautor einen in die Zeit und das Leben am Fluss in den dreissiger Jahren zurückversetzen soll. Ob das klappt? Wir sind skeptisch beim Anblick dier riesig in den Himmel ragenden Stahlskelette der mächtigen Überladebrücken und Kräne am gegenüberliegenden Ufer des Harwich Port, einem der wichtigsten Containerumschlagplätze Englands. Weiter flussaufwärts hingegen wird es ländlicher und die Mooringreihen der Segelboote beginnen. Auch ein baugleiches weisses Holzdinghi  zu dem Boot Arthur Ransomes der „Goblin“ schaukelt an einer Boje.

 

Seine Segelerlebnisse verarbeitete der Autor in dem Buch:

 

We Didn`t Mean To Go To Sea

 

Die “Goblin” Nachbau

“Das Abenteuer startet in Pin Mill als vier Kinder John, Susan, Titty und Roger, halfen die Yacht Goblin zu vertäuen. Sie freundeten sich mit dem jungen Skipper Jim an und er lädt sie auf eine mehrtägige Segelreise ein. Die Kinder versprachen ihren Müttern, dass das Schiff den Fluss Orvell nicht verlassen würde. Sie segelten den Fluss hinab Richtung Shotley, lernten die Handhabung des Boots kennen und genossen die Aussichten auf die Flussufer. Am nächsten Morgen war der Dieseltank leer. Sie ankerten und Jimm ruderte mit dem Dingi an Land, um Kraftstoff zu holen. Die Kinder warteten und warteten, Nebel zog auf, der Anker slippte und das Boot driftete hinaus auf die offene See, genau dorthin wo sie versprochen hatten nicht hin zu segeln. Konnten sie das Boot noch unter Kontrolle bringen? Würden sie in der Lage sein zurückzukehren? Oder müssen sie weiter segeln  ….. ja wohin?

 

Wie die Geschichte ausgeht kann jeder weiterspinnen und träumen. Der Weg windet sich unmittelbar am Ufer. Das Wasser strömt heraus und die glänzenden Wattbuckel kommen zum Vorschein. Ein Eldorado für die vielen Wasservögel. Austernfischer, Wattläufer, Möwen sind nun aufgeregt auf Futtersuche. Ein Labyrinth aus Furchen, Kanälchen und kleinen Inselchen ist freigelegt. Eine amphibische Welt, die dem ständigen Wechsel der Gezeiten im ungefähren sechs Stunden Rhythmus unterworfen ist.

Wir atmen tief durch und geniessen den typischen Meeresgeruch des Blasentangs, der in langen Bändern am Ufersaum liegt. Beim Picnis am Kiesstrand stochere ich ein bischen herum und entdecke tote Krebse, leere Austernschalen, die in rose- und grau-perlmutt in der Sonne glänzen. Braune Rinderherden stehen in grünen saftigen Wiesen. Segler ziehen wie aufgereiht im Fahrwasser vorbei. Hier und da liegt ein verlassenes Boot im Mud. Die Sonne brennt unerbittlich, die Hitze drückt. Wir sind froh bald den Hügelkamm bei Pin Mill zu erreichen wo üppiger Mischwald angenehmen Schatten spendet. Die Landschaft hier erinnert uns an Rügens Buchenwald am Königstuhl. Nun geht es auch schon wieder bergab und in einer Bucht liegt der Oyster & Butt Pub. War der Trail bis auf eine einzelne Wandergruppe fast menschenleer so sitzt das Ausflugslokal voll. Pin Mill ist ein besonderer Ort. Kleine Werften sind vollgestopft mit aufgepallten Booten jeden Alters und Gattung. Arbeitsgerät, alte Autowracks auf Booten, Kräne, Traktoren, ausrangierte Kühlschränke, Herde – alles steht herum. Unterhalb des Steilufers hat sich eine Kolonie niedergelassen. Die Inhabitants leben auf Bargen. Das sind ehemalige Transportleichter, die sie sich zur Arche Noah umgebaut haben. Die Phantasie dieser alternativen Szene lebt sich in den selbstgebauten Veranden, Holztreppen und Gartenlauben voll aus. Man muss schon viel Enthusiasmus aufbringen, um das ganze Jahr an diesem zwar wundervollen verwunschenen Ort aber auch mit den Entbehrungen zu leben. Die Zentralheizung eines praktischen Eigenheims sucht man hier vergebens. Alles muss mühsam per Motorboot herangeschafft  und dann verladen werden. Doch die vielfältigen Fotomotive lassen mich ganz aus dem Häuschen werden.

Axel drängt und bremst meine Knipserei, indem er mahnt: „ Wir müssen zum Bus, lass uns sputen.“  Ein schmaler Trampelpfad führt durch meterhohes ungemähtes Gras und verlangt unserer Grashopperhosen nochmal alles ab . Verschwitzt kommen wir an der Landstrasse an. Es ist noch ausreichend Zeit. Plötzlich entdecke ich einen Aufkleber an der Haltestelle:

No service at this bus stop. Ach Du Schreck, was nun? Aber dann die Entwarnung, es steht noch ein Datum drauf und dies war glücklicherweise Freitag, heute haben wir Samstag. Endlich kommt der Bus und „unser“ Busfahrer nimmt uns mit einem kurzen Nicken wieder als einzige Fahrgäste in Empfang.