Am Tanksteg bediene ich das Marifoon, aber erhalten keine Antwort mehr. Der Hafenmeester wie er hier genannt wird, hat wohl schon Feierabend. Die nächsten Tage weht ein steifer Nordwestwind. Er lässt die Riggs der Segler heulen. Unterbrochen wird die Geräuschkulisse von den Schreien der Austernfischer und Möwen, die im Aufwind über den Dünen segeln. Wir verziehen uns unter Deck und kochen. Durch die Luken huscht  am Abend  im regelmässigen Gleichtakt  das Licht des Strahlkegels des Leuchtturms Brandaris. 

Der Brandaris Turm ist das Wahrzeichen der Insel. Trutzig und vierkant ragt er auf in den meist grauen Himmel über dem Hauptort West-Terschelling am Westende der Insel.

Wie ein Bollwerk gegen die donnernde Brandung der Nordsee liegen die westfriesichen Inseln im Halbring vor der Küste und lassen ein geschütztes Wattenrevier entstehen, das seinen ganz eigenen Reiz hat. Die Natur zeigt hier eine Vielfalt besonders in der Vogelwelt. Robben sonnen sich bei Niedrigwasser auf den Sandbänken, Wattwürmer, Muscheln und vieles Kleingetier leben im und auf dem Watt.

Das Hauptfortbewegungsmittel auf dem Eiland ist das Fahrrad. Hunderte Räder stehen für die Urlauber zum Vermieten bereit und erwarten den Ansturm der Pfingstferien. Vom grossen Hollandrad, über Klappräder, Räder mit Kastenwagen, Tandems, Funräder sowie Geländeräder mit grossen Ballonreifen steht alles zum Angebot. An der Wattseite zeigt sich die Insel flach mit saftigen Wiesen und Deichen durchzogen von Sielen zur Bewässerung.  Auf der Seeseite liegen breite Strände mit Dünenketten, Heidelandschaft, Kiefernwald, Mischwald und dem herrlich in Blüte stehenden gelben Stechginster. Am Hafen tummeln sich die Schüler der Schulklassen, die auf den Plattbodenschiffen der braunen Flotte angereist sind und in grossen Gruppen die Insel per Fahrrad erkunden. Liebevoll gestaltete Cafes, schicke Restaurants und Souvenirläden mit meist maritimem Angebot laden zum Bummeln ein. Während Axel eine grossen Joggingrunde dreht, gehe ich auf Erkundungstour und erklimme die höchste Dünenkette. Der Rundblick ist grossartig. Genau lassen sich die Fahrwasser von den Sandbänken abgrenzen. Der Wind bläst kräftig und treibt mir den Sand in die Augen. Geschützt in einer Mulde hat sich das Seefahrerstädtchen im Schutz der Dünen angesiedelt. Während des zweiten Weltkrieges hat Hitler auf Terschelling viele Bunker anlegen lassen. Die Radarstellung Tiger ist vollständig erhalten. Zweihundert deutsche Soldaten arbeiteten in 70 Bunkern. Die Radartechnik steckte damals noch in den Kinderschuhen. Der Posten ” Tiger” sollte vornehmlich englische Bomber rechtzeitig signalisieren.  Mit vollem Rucksack geht es zurück zum Hafen. Neue Kartoffeln und frischer Matjes werden heute Abend schmecken. Eine gute Stärkung für die Radtour am nächsten Tag zum Osterend. Per Fahrrad erreicht man jedoch nur die westliche Hälfte Terschellings. Zu Fuss geht es dann nochmal soweit bis zum östlichen Ende. Bei dem starken Nordwind sparen wir die Wanderung aus. Idyllische Dörfer reihen sich aneinander, ein schöner als das andere. Wir erfahren von dem Einsatz der alten Grenzsteine zur Markierung des Eigentums, bewundern die schwarz glänzenden Friesenpferde mit ihren jungen Fohlen und radeln vorbei an Kolonien von Graugänsen, die sich um ihren Nachwuchs kümmern.

Zurück geht es hinter den Dünen vorbei an Ginsterbüschen, kleinen Teichen und Kiefernwäldchen. Ein Fotostop mit Selbstauslöser wird jäh gestört, als eine Gruppe von mindestens zehn Hunden sämtlicher Rassen wild kläffend ins Bild stiebt und uns umringt. Ein älterer Herr scheint sich als Hundesitter zu verdingen und versucht die Bande in einen schwarzen Transporter zu locken. Wir starten einen zweiten Versuch nachdem die Tölen weg sind.

Abends an Bord gibt es den saftigen Matjes und es wird schnell noch die Routenplanung für den nächsten Tag erledigt.