… oder warum ein Blick auf das Echolot auch am frühen Morgen sinnvoll sein kann…

Die Ostwindlage hält sich. Alles warten hat nichts genützt und die geplante Route müssen wir aufgeben. Daher fällt leider auch ein Treffen mit Freunden aus. Also geht es weiter nach Westen. Navtex meldet Trogbildung über England ostwärts ziehend. Ein Sturm aus Nordwest steht ins Haus. Dann kann das Gebiet der ost- und westfriesischen Inseln mit seinen Seegatten gefährlich werden.

Rechtzeitig wollen wir über Borkum die Ems flussaufwärts, um über die Kanäle die nächsten Tage ins geschützten Binnenland zu verholen. Aber auch dieser Plan geht nicht auf. Bei der niederländischen Pegelauskunft läuft nur ein Band mit Verweis auf Brückenzeiten. Das aktuelle Kartenmaterial zeigt geringe Tiefen, die wir nicht befahren können. Im Süden liegt Wattgebiet, zu flach; Binnenroute zu flach, ostwärts: Wind gegenan. Wir setzen alles auf eine Karte und stecken den Kurs ab auf Lauwersoog. Es kann knapp werden, denn mit drei Knoten Gegenstrom bei der Ausfahrt aus Norderney müssen wir rechnen. Die Seegaten sind wie Nadelöhre. Bei passender Tide muss der Segler aus dem Abfahrtshafen heraus kommen, aber am Ankunftshafen wieder passende Strömung haben, um hineinschlüpfen zu können. Damit es für die Crew spannend bleibt, hat der Gott der Gezeiten die Fakten so gelegt, dass nie alles passend übereinstimmt. Möglichst Fahrzeit bei Tageslicht, Strömungsrichtung, Windrichtung und Stärke, Wasserstände über Flachs sollten auf einen Nenner gebracht werden.

Kurz: Neptun hatte dann doch ein Einsehen und hat guten konstanten Segelwind gebracht, der uns unter Spinnaker wie auf Schienen bis vor die Ansteuerungstonne von Lauwersoog gezogen hat. Nach einem perfekten Bergemanöver steuert Axel konzentriert zwischen den Fahrwassertonnen über die Barre. Der Wind zieht an und mit fünf Beaufort trägt er uns schneller als gedacht ans Ziel. Im Seebecken von Lauwersoog liegt eine grosse Fischerflotte, angeblich Europas grösste auf Garnelen spezialiserte Fischerei.auf Krabbenfang. Nach dem Aufklarieren fallen wir müde um zehn Uhr ins Bett. Es soll eine kurze Nacht werden, denn die Weiterfahrt ist für fünf Uhr am nächsten Morgen geplant. Der Wind jault im Rigg. Es hat merklich aufgebrist. Mal sehen was der nächste Tag bringt. 

Klar zum Ablegemanöver, Maschine starten, doch was ist los? Der Motor hört sich fremd an. Auch nach 2 Minuten läuft kein Kühlwasser. Axel stoppt den Motor und öffnet den Motorraum und sieht sofort den völlig zugesetzten Wasserfilter. Zäher schwarzer Schlick füllt den Behälter. Wir liegen mit dem Rumpf im Wattboden. Der Kiel muss komplett eingesunken sein. Und das obwohl  der Hafen mit 2 Metern auch bei Niedrigwasser angegeben ist (siehe Bild). Machtlos heisst es nun warten, warten, warten und hoffen, dass der Motor keinen Schaden genommen hat. Den zähen Schlick löffele ich aus dem Filter. Die komplette Ansaugtechnik der Maschine ist betroffen. Ein Blick auf das Echolot zeigt 0.0 Meter. Um das Schiff herum ist aber alles normal bewässert. Unser schöner Zeitplan ist im Mud versunken. Zwei einhalb Stunden später kommt der spannende Moment. Astartes Auspuff spuckt eine grosse Salve schwarzen Schlamm raus. Es qualmt fürchterlich, kein Wasser. Blauweisser Qualm dampft hoch, dann endlich:  platsch, Kühlwasser läuft wieder. Die Anspannung hält noch einen Moment an. Wird alles stabil bleiben? Glücklicherweise scheint der betagte Vetus robust und schluckt solche Zumutungen gutmütig.

Das passiert eben, wenn man noch nicht richtig ausgeschlafen ist am frühen Morgen und sich beeilen will.  Der Tag entwickelt sich auch weiterhin nicht nach Plan. Der angekündigte Wind bleibt aus. Schwell steht auf die Küste und mit schlagenden Segeln kommen wir zu langsam voran. Immer wieder gibt es grosse Windlöcher. Der Spi fällt in sich zusammen. Das Trimmen erweist sich als mühsam. Nach einigem Tanz brechen wir die Versuche ab und laufen nahezu dreiviertel der Strecke unter Maschine vorbei an einer Bohrinsel und den im Dunst schemenhaft am Horizont liegenden westfriesischen Inseln. Der schneeweisse Sand der endlos erscheinenden Strände strahlt als helles Band in der Sonne. Es ist eine endlose Weite, die uns umgibt. Nur drei Segler kommen uns entgegen, sonst ist die See leer. Betriebsam wird es erst zwischen den Insel Vlieland und Terschelling. Der angekündigte Wind hat sich dann am Abend eingestellt und nun geht es in rauschender Fahrt durch die engen Fahrwasser im Zick Zack zum Hafen von Terschelling. Hier waren wir vor über 30 Jahren das letzte Mal.