THE HOOK, nein wir sitzen nicht im  Kino und schauen den Film „Pirates of the Carribean“ mit den Horrorpiraten, die entern wollen. Im Yachthafen von Mariehamn haben wir einen Aussenplatz gefunden neben einem Motorboot, dass THE HOOK heisst, also der Haken. Der finnische Eigner hat sich wohl diesen Namen ausgedacht, da er seiner Passion Angeln Ausdruck verleihen will. Denn sein Schiff ist ausgerüstet mit 18 Angelruten, die in vergoldeten Halterungen stecken. Auf dem Schanzkleid ragen

auf jeder Seite zwei Harpunenkanonen über die Bordwand. Kisten mit Zubehör stehen auf Stufen, die zum oberen Fahrstand führen. Ein Rauhhaardackel und eine Promenadenmischung laufen aufgeregt an Deck hin und her als wir uns dem Schiff nähern. Wir parken rückwärts ein und die wohlbeleibte finnische Bootsnachbarin nimmt unsere Leine an. Ihr Mann taucht erst viel später auf. Ein Ebenbild eines Wikingers, ganz in schwarz gekleidet könnte er auch der Anführer einer Motorradgang sein. Das breite Kreuz ist begrenzt von muskelbepackten Armen, die in fleischigen Pranken enden. Das bullige Gesicht wird von einem braunen Vollbart eingerahmt und sein volles wild gelocktes goldbraunes Haar ist zum Pferdeschwanz gebändigt. Erhaben baut er sich an Deck breitbeinig auf und lässt den Blick rundum schweifen, um sich dann wieder seinem Notebook zu widmen. Wir kommen mit seiner Frau ins Gespräch. Sie berichtet uns enttäuscht, dass gestern der gesamte Fang nur aus einem Fisch bestanden hätte. Das Wasser sei mittlerweile zu warm. Normalerweise angeln sie viele Lachse.

Der Hafen füllt sich stetig und wir vertäuen uns mit Ruckfendern für die anstehende Starkwindphase. Die westliche ASS Marina ist für viele Segler der Höhepunkt ihrer Reise. Gilt Mariehamn doch als Segelmekka und Rastplatz des letzten ausser Dienst gestellten Windjammers der P Liner, die bei ihren Frachtfahrten um die halbe Welt Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt haben. Die „Pommern“ mit ihrem schwarzen Rumpf und weiss gestrichenem Unterwasserschiff liegt dieses Jahr zur Restaurierung verholt an einem anderen Platz und steht auch nicht mehr zur Besichtigung zur Verfügung. Wir liegen keinen Steinwurf entfernt vor dem Windjammer mit seinem hoch aufragenden Rigg.

Windjammer Pommern

Die Geschichte  der letzten Grossegler wird im örtlichen Seefahrtsmuseum aufgearbeitet. Die Metallskulptur des Albatrosses, der mit seinen ausgebreiteten Schwingen durch die Lüfte streicht, ist Symbol des Clubs der Cap Horniers, ansässig in Frankreich, Saint Malo. Nur wer das Kap Horn umrundet hat, ist würdig aufgenommen zu werden.

Auf der Fussgängerzone von Mariehamn  weisst ein Schild die Richtung und gibt an: 8.160 nautische Meilen bis zum Kap Horn. Unser Gedanken wenden sich ab von den Träumen von fernen Zielen zu praktischen Notwendigkeiten. So klappert Axel beim Joggen Tankstelle, Campingplatz und Baumarkt ab, um Campingaz (Campingaz wurde mit der Idee in den Markt eingeführt, ein einheitliches in ganz Europa verfügbares Tausch Gas Flaschen System zu sein – Idee und Wirklichkeit klaffen hier bedauerlicherweise weit auseinander) aufzutreiben. Fehlanzeige, hier arbeitet man mit anderen Systemen.

Das Hafenleben erreicht derweil am Nachmittag seinen Höhepunkt. In Handtücher gewickelte Männer sitzen ausschwitzend auf Bänken vor der Sauna, schicke Paare flanieren Richtung Restaurant, Kinder in Schwimmwesten mit Angel und Eimer stellen kleinen Fischen nach, junge trainierte Segler in Neopren liefern sich ein Matchrace mit Kielbooten und alte Seebären mit Pfeife oder Tilllyhat werfen einen prüfenden Blick ins Rigg oder rundum.

Sie Szenerie ist bunt. Das hölzerne Hafenrestaurant mit seinen geschwungenen Dächern an eine chinesische Pagode erinnernd, bildet den Mittelpunkt.

ASS Segelclub Restaurant

Überall wehen die bunten Flaggen und Wimpel an den Masten. Nach der Erledigung einiger Einkäufe und einem leckeren Lunchmenu in der Sirkoff Galerie kehren wir an Bord zurück, um vor dem kommenden Regen noch die Cockpitpersennig aufzuziehen. Morgen früh soll es gleich zum örtlichen Krankenhaus gehen, denn meine Ohrenschmerzen haben sich nicht gebessert. Im Nieselregen laufen wir durch gepflegte Wohnstrassen zum Hospital, dass von aussen schon einen ordentlichen Eindruck macht. Nach Nummer ziehen und circa zwei Stunden Wartezeit holt mich eine Schwester ab, nimmt den Fall auf schaut in beide Ohren und möchte dann den Arzt hinzuziehen. Ein älterer Herr erscheint, der wie ein Double von Woody Allen aussieht. Er reicht mir freundlich die Hand. Seine schusselige, drollige Gestik unterstreicht den Komiker-Eindruck noch. Beruhigend auf mich wirkt, dass ich anscheinend bei einem Ohrenarzt gelandet bin (erstmalig) denn an den Wänden hängen Abbildungen vom Aufbau des menschlichen Ohres. Die junge Schwester muss übersetzen. Wie und was Doc Woody versteht, weiss ich nicht. Jedenfalls möchte er das kranke Ohr mit Druckluft ausblasen. Dazu nimmt er einen Plastikschlauch, der zu diesem Zweck an der Wand hängt und schon oft eingesetzt wurde wie der im Schlauch eklig klebende gelbe Schmodder verrät. „Woody“ sieht meinen Blick und schneidet kurzer Hand mit einer Schere das optisch dreckige Stück ab. Dann steckt er ein dünneres Plastikstück auf. Das abgeschnittene Ende landet einfach auf dem Boden. Desinfizierungsprozeduren von Material oder Händen unterbleiben. Die Schwester erklärt mir, dass ich mich nicht bewegen darf und dreht meinen Stuhl. Dieser lässt sich aber nicht arretieren und so muss ich ihn, mit den Füssen abgestützt an der Wand, versuchen in Position zu halten. Der Doc puhlt im Ohr herum und fragt: „Does it hurt?“ Nachdem er fertig ist, verabschiedet er sich auch schon. Doch ohne irgendein Medikament will ich mich nicht abspeisen lassen. Eine Diagnose habe ich wieder nicht bekommen. Die Schwester schreibt mir noch Tropfen auf und schickt mich zur Kasse. Einen Tipp hat sie noch: kein Wasser ans Ohr. Das klingt für mich wie Hohn nach der finnischen Behandlung wo jede Menge Leitungswasser ins Ohr gepresst wurde. Nach kurzfristiger Erleichterung kommen die Schmerzen aber wieder und die Lage verschlechtert sich noch.

Russisches Schiff aus St. Petersburg läuft ein