Rödhamn Hafen am Abend

Nachdem wir am Vorabend bereits vor den beiden kleinen blonden Mädchen des winzigen Nachbarboots im Bett waren, haben wir neue Energie für den Tag. Bei 18 Grad und bedecktem Himmel hat der Wind auf Ost gedreht. Freudig über den  Rückenwind fahren wir das schwierige Ablegemanöver in Luv des leeseitig liegenden 6 Meter langen Schiffchens aus Stahl mit allerlei scharfkantigem Ankergeschirr und Ausrüstung am Heck. Unsere Strategie mit langer Vorleine geht auf und unter den anerkennenden Blicken der Stegnachbarn verschwinden wir aus der Bucht. Die Segelfreude währt nur kurz. Der Wind legt sich und eine bleierne Schwüle umgibt uns. Blitzartig ist

die Luft erfüllt von Mücken, Fliegen, Motten, die die Segel in Beschlag nehmen und beim Einrollen derselben hässliche Flecken hinterlassen. Nach ereignisloser fünfstündiger Maschinenfahrt bei der nur einmal eine Robbe kurz ihren Kopf aus der ölig glatten schwarz schimmernden See gesteckt hat, erreichen wir Rödhamn. Diesen kulturellen Leckerbissen für Seefahrer auf der Anfahrt nach Mariehamn zur Hauptstadt der Alandinseln wollten wir uns nicht entgehen lassen. Denn Rödhamn war der strategische Vor- und Horchposten der Alands. Während des ersten und zweiten Weltkrieges wurden auf Rödhamn und den anderen vorgelagerten Inseln Forts und Befestigungen gebaut. 1856 wurden die Alands zur demilitarisierten Zone erklärt.  Schon im Mittelalter ein wichtiger Hafen am Fahrwasser zwischen Schweden und Finnlands, zeugen Überreste einer Seefahrerkapelle, die Spuren eines Wirtshauses für Seeleute aus dem 18. Jh und die von 1818 bis zum Ende des 20. Jh. betriebene Lotsenstation sowie Gebäude und Technik eines Funkpeilsenders der von 1937 bis 1970 in Betrieb war, von einer maritimen Vergangenheit.  Drei Diensthabende lebten mit ihren Familien auf der benachbarten Insel Langö.

Ende der dreissiger Jahre war ein Funkpeilsender eine technische Revolution für die Seefahrt bei schlechtem Wetter. Anfang der 60er Jahre verlor der Peilsender seine Bedeutung. Die Anwendung des Radars seit dem 2. Weltkrieg und die spätere Einführung des Decca Navigationssystems liessen ihn überflüssig werden. Um die Inseln liegen an die 30 Wracks. Berichte über die über die Bergung des deutschen Containerschiffes Janra, dass 2001 vor Rödhamn vor Anker liegend auf Drift gegangen war und sank, lesen wir im kleinen Inselmuseum mit Interesse. Bevor wir zu unserer Inselerkundung starten, dürfen wir noch miterleben wie sich die ausgelassene Freude unseres Bootsnachbarn über den Sieg des finnischen Formel Eins Piloten Valtteri Bottas ausdrückt. Nachdem er mit seiner Familie im Cockpit aufgeregt das Rennen am Laptop verfolgt hat, springt er mitsamt Klamotten begleitet von einem Jubelschrei in hohem Bogen über das Heck ins Wasser. Zentraler Anlaufpunkt auf der Schäre für die Segler ist die Kaffeestugan des Ass Segelclubs.

Hier kann man eine Kleinigkeit essen, Hafengeld bezahlen, Brötchen für den nächsten Morgen bestellen, die Sauna für den Abend reservieren, die Kinder zum Spielen absetzen oder eben einen Kaffee trinken und in der grossen Buchauswahl stöbern. Das Personal hingegen muss die Bewirtschaftung erledigen. Toiletten reinigen, Müll abfahren, Kasse bedienen, Küchenarbeiten und einiges mehr, denn die täglich wechselnden Crewgäste von circa 100 Booten mit mindestens zwei Personen belegt, kann man schon mit den Anforderungen an einen Hotelbetrieb mittlerer Grösse vergleichen.

Nach dem Rundgang durch das Inselmuseum mit den Überresten der Peilstation geht es zum Steinkreis und der bringt uns auf die Idee selbst eine in Stein geschrieben Botschaft zu hinterlassen: ASTARTE liegt nun auf Rödhamn – wer weiss für wie lange. Vielleicht kommen wir ja irgendwann wieder und… Die Zukunft kennen nur die Sterne.