So langsam werden wir mit der Sprache hier vertraut, zumindest als geschriebenes Wort. Ausgesprochen  verstehen wir das Estisch der Einheimischen natürlich nicht. Doch viele Worte sind dem alten Plattdeutsch entlehnt, vielleicht weiterentwickelt oder abgewandelt. Küche heisst Koek, Turm heisst Pik. Bei einigen Begriffen kann man sich von selbst natürlich keinen Reim drauf machen wie: Haapsalu.

 

Kuursaal

Kuursaal

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Das bedeutet Erlenhain. Piim ist eben Milch und Koer bedeutet Hund. Letzteres hat sich uns eingeschärft, denn an nahezu jedem Tor steht: Warnung vor dem Hund oder bissiger Hund. Sollte man ernst nehmen. Die Biester kommen gleich angeschossen, wenn man Haus und Hof zu nah kommt und machen sich mit Gebell oder Knurren bemerkbar. Das ca. 100 km westlich von Tallinn gelegene Haapsalu ist eine Kleinstadt, die auf Tourismus baut. Zwar sind 6% der 10.811 Einwohner arbeitslos, doch die Region versucht ausländisches Kapital durch vorteilhafte Bedingungen, vor allem niedrige Standortkosten, anzuziehen.  Finnische, schwedische, norwegische und deutsche Unternehmen haben sich angesiedelt. Unter anderem fertigt hier der Ausstatter maritimer Sicherheitstechnik und Bekleidung, die Firma marinepool. Das es sich hier gut leben lässt haben auch schon die deutschen Ritter bemerkt. Die Teutonen befestigten die Gegend im 13. Jh. mit einer gewaltigen Burganlage. Über 300 Jahre lang war hier das spirituelle und politische Zentrum des reichen Bistums Oesel-Wiek. Viele Namen belegen, dass sich später auch eine Volksgruppe der estonischen Schweden hier angesiedelt hatte. Die Ilustratorin der Astrid Lindgren Kinderbücher war darunter. 1944 floh Ilon Wikland wie viele andere vor den Russen.

In der Ära des zaristischen Russlands wurde  Haapsalu bei der Zarenfamile und der Aristrokratie ein beliebter Sommerresidenz und Kurort. 1905 war der hölzerne Bahnhof mit einem 216 Meter langen, hölzernen, überdachten Bahnsteig fertiggestellt. Der heute unter Denkmalschutz stehende Bahnhof ist  letzte Ruhestätte für zahlreiche historische Dampfloks, Wagons und Züge.

Kurzum Haapsalu ist ein Miniaturspielplatz für Historiker. Reich verzierte Holzhäuser nordischen Stils stehen neben typisch deutschen Steinhäusern. Die sieben Kirchen bilden die Glaubensrichtungen lutherisch, baptistisch, methodistisch, adventistisch, russisch orthodox ab und könnten architektonisch nicht unterschiedlicher sein.

An vielen Häusern gibt es Hinweistafeln wer hier gelebt hat oder mal zu Besuch war. Von einer Übernachtung Peters des Grossen, über einen Ferienaufenthalt Tschaikowsky, den er zum Komponieren nutzte, bis zu Wohnhäusern deutscher Ärzte, Eissegel- Konstrukteure, Künstler gibt es  viel zu entdecken.  Da ist Ewald Okase gewesen ( 1915-2011). Er spezialisierte sich auf die erotische Abbildung von Frauen. Rudolf Tobias (1873-1918), Pianist, graduierte in St. Petersburg und arbeitet später in Berlin. Carl Abraham Hunnius (1797-1851). Der deutsche Doktor erkannte als erster den positiven Effekt des Heilschlammes aus der Haapsalu Bucht für Rheumakranke. An jeder Ecke taucht man ein in die Vergangenheit und Geschichte der ehemaligen Bewohner.

Das macht hungrig. Diesen zu stillen steht eine gute Auswahl an Restaurant oder Kohviks (hier Cafe) bereit. Neben Pfannekuchen, Pizza, Nudelgerichten, Fleischpfannen, Burgern gibt es auch vegetarische Gerichte und ortstypisches. Unsere Wahl fällt auf das Dietrichs. An den Wänden zeigen Sepiafotos Szene aus einer Bäckerei der Jahrhundertwende. In der Glasvitrine stehen leckere Torten, die an Schwarzwälder Kirsch erinnern. Die jungen Bedienung in kariertem Hemd und mit Jeansschürze empfiehlt den Catch of the Day. Während ich mich an die Falafeln halte, entscheidet Axel sich für selbigen. Es sind gebratene kleine Heringe auf Kartoffeln. Auch an den Nachbartischen landet das Gericht. Während Axel noch vorsichtig den Fisch auf die Gabel nimmt und nach Gräten sucht, angelt sich der Herr am Nachbartisch das Fischlein mit der Hand und lässt es mit dem Kopf zuerst (der Fisch wurde komplett serviert) im Mund verschwinden. Ich bemerke zu Axel: „ Du ich sehe, die ist man hier einfach komplett.“ Gesagt getan. Ich probiere auch mal und säbele den kleinen Fisch auf. Die grosse Mittelgräte ziehe ich raus. Empört stellt Axel fest: „ Na toll, die habe ich jetzt mitgegessen. Hätte ich das gewusst.“ Ich antworte: „Du musst jetzt einen Wodka trinken. Der zersetzt die Gräten und der Fisch schwimmt wieder.“