Wir streifen unsere Regenhosen über, die wir in Schottland erstanden haben, nachdem wir auf einer Radtour bis auf die Haut durchnässt wurden. Schnell krame ich noch nach meinem Terminzettel für die Poliklinik. Mittlerweilen kennen wir die Wege. Das Viertel um die Elisabeta Iela (Iela = Strasse) mit Restaurants, Boutiquen, Delikatessläden, Botschaften, Souvenirshops könnte auch in Paris oder Berlin liegen. Gut gekleidete Passanten, die Herren im Business Outfit, die Damen mit offenem Filzmantel in hellgrau,

dies scheint hier der letzte Trend zu sein, eilen in alle Richtungen. Wir laufen im Zickzack Richtung Krankenhaus, denn noch haben wir Zeit. Plötzlich stehen wir vor einem Haus, dessen Eingang mit einer grossen rostigen Eisenplatte versiegelt ist.

Eigentlich ein Hotel wurde es zu Sowjetzeiten als KGB Gebäude benutzt. Ein makaberer Witz bringt Licht in die dunkle Vergangenheit dieses Eckhauses: „ Dies sind die einzigen Balkone in Lettland von denen man eine Aussicht bis nach Sibirien hat.“ In der Tat fanden tausende von Letten ihr Ende in diesem als Hotel getarnten Haus. Die Gedenkplatte aussen proklamiert: „ Während der Sowjetbesatzung verhaftete, folterte, tötete und vernichtete der Staatssicherheitsdienst KGB seine Opfer in diesem Gebäude.“ Viele wurden auch nach Sibirien zwangsdeportiert. Jetzt beherbergt das heutige Occupationsmuseum Fotos, Film- und Tondokumentationen dieser Zeit und bietet Touristen den Rundgang durch die Keller des KGB an. Schnellen Schrittes entfernen wir uns von diesem gruseligen Ort. Angekommen in der Poliklinik heisst es wieder Nummer ziehen. Ich lege der Frau im Glaskasten meine Anmeldung vor. Sie schüttelt mit dem Kopf. Nach einigem Palaver wobei zum Glück ein englisch-sprachiges junges Mädchen zur Hilfe kommt, erfahre ich, das die Ärtzin Romana heute nicht da ist. Sonst spricht niemand englisch. Dann bekomme ich eine Adresse von einem anderen Krankenhaus wo sie mich hin schicken wollen. Axel recherchiert die Adresse und stellt ernüchtert fest: „ Es liegt auf der anderen Seite des Flusses wo wir gestern waren.“ Nach drei Krankenhäusern und drei Busfahrten habe ich die Nase gestrichen voll von diesem Katz- und Maus Spiel. Das Projekt ist erstmal auf Eis gelegt. Zum Glück haben sich die Schmerzen von selbst etwas gebessert. Jetzt brauchen wir eine  Stärkung. Bei der nächsten Filiale der Lido Kette werden wir fündig. Hier ist es schon gut voll bei dem Schmuddelwetter draussen. Das grosse Selbstbedienungsrestaurant bietet eine riesige Auswahl an Gerichten. Salate, Fleisch, Fisch, Deserts, Kuchen – für jeden ist etwas dabei. Bei Hühnchen, Lachs, Gemüse, Rote-Beete-Joghurtsuppe schauen wir eine Weile zu, welche immer wieder neuen und ausgefallenen Zusammenstellungen die anderen Gäste an uns vorbeitragen. Als Verdauungsspazierung tingeln wir noch einmal durch die Altstadt. Wieder sind etliche Stag Do`s (Junggesellengruppen) unterwegs. Vornehmlich mit Ryanair aus Grossbritannien angereist, sprechen sie hier dem guten lettischen Bier zu, übernachten in billigen Hostels wie dem Naughty Squirrel (freches Eichhörnchen) und suchen die Gentlemen Clubs auf.

Ich bewundere die Auslagen von Laima, des hiesigen führenden Schokoladenherstellers. Sein Markenzeichen ist die Laima Clock in Riga. Eine Uhr mit der Aufschrift Laima Sokolade. Den Tag runden wir mit einem sehr leckeren Stück Apfel- und Möhrenkuchen in der Andreass Bekereja ab. Dort finden wir auch endlich ein Super-Schwarzbrot nach deutscher Art ohne den zugesetzten Malz, der hier sonst das Brot sehr süss schmecken lässt.