Das Wetter ist umgeschlagen. Es ist grau in grau. Ein idealer Tag, um entlang der Daugava, das dem Zentrum gegenüberliegende Ufer zu erkunden. An der Kioskkette Narvesen erstehen wir ein Mehrfachticket für den öffentlichen Nahverkehr. Wenig später geht es mit dem Trolleybus aus der Stadt. Ziel ist die Insel Zakusala mit dem Fernsehturm und der Nationalbibliothek.

Nationalbibliothek Riga

Nationalbibliothek Riga

Der Bus spuckt uns auf einer Schnellstrassenbrücke aus. Weit und breit keine Menschenseele und auch sonst eigentlich nichts ausser Strassen wo der Verkehr braust, Fahrradwege und ein

einsamer Uferstreifen mit überwucherten Schuttresten. In der Ferne streckt sich der nadelförmige Fernsehturm gen Himmel, von der Bibliothek keine Spur. Mist  – die liegt ganz woanders, stellen wir fest. Jetzt ist auch das Quecksilber wieder hochgeklettert. Wir geraten mit Pulli und Regenjacke schnell ins Schwitzen. Fix machen wir zwei Fotos und dann heisst es Abmarsch aus dieser Einöde. Argwöhnisch schauen wir uns um und marschieren schnellen Schrittes über Fussgängertrassen unter den Schnellstrassen Richtung Park und Gewerbegebiet. Hier ist es nicht nötig, da es extra Wege für Fussgänger gibt, doch sonst ist es geboten in Riga höllisch aufzupassen. Der Lette rast und fährt sehr undiszipliniert. Als Fussgänger wird man häufig geschnitten und Zebrastreifen gelten hier nichts. Zumal der Tourist auch noch darüber informiert wird, dass Lettland das Land mit dem höchsten Alkoholmissbrauch in Europa ist. Aufatmen im Park. Die Klettergerüste sind voll, Mütter mit Kindern überall. Viele junge Mädchen empfinden wir als aufffällig spindeldürr. Ein grosses Einkaufszentrum kommt in Sicht. Vorbei an zerfallenen Fabrikgeländen und leerstehenden oder heruntergekommenen, bewohnten Häusern geht es über eine Eisenbahntrasse in ein zivilisierteres Gebiet mit alten Villen, die aber auch schon bessere Tage gesehen haben.

Holzhaus

Holzhaus

Vereinzelte Neubauten dazwischen. Ermüdet aber erleichtert kommen wir schliesslich an der Bibliothek an. Das durchquerte Gebiet ist keine Gegend mit der man erneut Bekanntschaft schliessen möchte. Regen setzt ein. Wir schliessen uns den Studenten an, die in der Bibiliothekhalle abhängen und lassen uns in die knuffigen, schwarzen Ledersofas fallen. Das Innere des modernen Baus, des lettisch-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts, ist eine komplett andere Welt zum Umfeld draussen. Die pyramidenähnliche Gebäudestruktur mit viel Glass soll das Schloss des Lichtes in der lettischen Folklore symbolisieren.  Gut gekleidete Studenten trotten vorbei, das Handy immer im Blick. Es wird gequatscht, gechattet, in den Laptop geschaut oder geschlafen. Die meisten Studenten scheinen Deutsche zu sein wie wir der Sprache entnehmen. Später erfahren wir, dass sehr viele Deutsche in Riga leben und auch hier studieren. Vom Relikt am Flussgeländer wo die Ornamentik noch Hammer und Sichel aus der Zeit hinter dem eisernen Vorhang enthält, zu diesem kosmopolitisch ultramodernen Bau und Denkhort der Demokratie bietet sich dem Besucher ein Wechselbad der Eindrücke.

Die Aktion: “A special book for a special shelf“ zeigt, dass hier jetzt neue Ideen umgesetzt werden, die das Individuum als Teil der Gemeinschaft stärker berücksichtigen. Die Campagne fordert die Menschen auf, der Bibliothek ein Buch zu spenden, dass für sie selbst eine besondere Bedeutung besitzt und dazu einige Zeilen zu schreiben in denen sie ihren Bezug zum Buch erklären. Bereits 15000 Bücher sind so gesammelt worden. Nach der Verschnaufpause geht es über die Brücke wieder zum Zentrum zurück.  Spontan entscheiden wir trotz Müdigkeit in der Stadt zu bleiben, da die Sonne raus kommt und für die nächsten Tage Regen angesagt ist.  Am Liven Platz stehen die beiden Gildehäuser aus dem 18. Jhdt, das kleine für die Handwerker und das grosse für die Kaufleute. Vor der kleinen Gilde wird lettisches Handwerk gezeigt. Alte Männer und Frauen flechten Körbe. Junge Frauen weben Bänder. Jeder Landstrich hat sein eigenes Muster erfahren wir von einer blonden Lettin. Sie spricht fliessend deutsch, da sie in Köln Au-pair Mädchen war. Heute ist sie Beamtin und verrät uns, dass man im öffentlichen Umgang bei Behörden kein russisch sprechen darf. Im Kindergarten lernen die Kleinen heute bereits Englisch. Ansonsten ist deutsch die zweite Fremdsprache hier. Die Jugend kann schon kein russisch mehr. Vorbei an der Freiheitsstatue mit den drei Sternen am Haupt, Lettlands Symbol der Unabhängigkeit, von den Einheimischen Milda genannt, durch Parks mit kleinen Brücken an denen Liebesschlösser hängen, werden wir von goldenen Kuppeln angezogen, die intensiv in der Sonne strahlen. Es handelt sich um die Dächer der Jesus Christ Kathedrale, Rigas grösster orthodoxer Kirche, die zu Sowjetzeiten zum Planetarium und Restaurant umfunktioniert wurde. Heute ist das Gotteshaus wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt und aufwendig restauriert.

Was wäre ein Stadtbesuch von Riga ohne den Blick von oben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Weisse Wolken am blauen Himmel, also nichts wie rauf in den 27. Stock des Radisson Hotels. Im gläsernen Aufzug geht es in Nullkommanichts zur Skybar. Wir ergattern einen Fensterplatz zur begehrten Flusseite. Gleichermassen wie die anderen Gäste laufen auch wir herum und fotografieren was das Zeug hält. Vielleicht nur nicht ganz so aufdringlich wie einige, die sich noch an dem sitzenden Gast zum Fenster vorbei quetschen. Die Ausblicke selbst von der Damentoilette sind grandios. Wenngleich einem auch leicht mulmig ist in dieser Höhe und man meint ein leichtes Schwanken zu spüren. Oder steigt der Orangensaft schon zu Kopf?