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Am nächsten Morgen wache ich gut ausgeschlafen auf, worüber ich mich eigentlich wundere. Denn die letzte Nacht haben wir ausserhalb des Geländes des Yachtclubs verbracht am gegenüberliegenden Kai vor dem Gelände einer verlassenen Fischfabrik. Am Nachmittag drückte sich die eine oder andere Gestalt am Kai herum. Der verwegen aussehende „Pirat“,

der uns auf dieser Seite des Hafens haben wollte, war einer davon. Axel meinte zu mir: „Der ist lieb.“ Doch mein Misstrauen konnte er damit nicht zerstreuen und so hörte ich beim Einschlafen noch eine Weile auf jedes Geräusch. Trotz der glücklicherweise ereignislosen und erholsamen Nacht war ich erleichtert, als die Hafenmolen von Mersrags achteraus wanderten. Als Erinnerung für die nächsten Tage bleiben mir die fetten Mückenstich auf beiden Armen, die ich heute Morgen entdeckte. Das war also das unerfreuliche Ergebnis unseres kurzen Waldspaziergangs. Die See zeigt sich heute spiegelglatt. Da muss die Maschine ran. Das Tages-Etmal können wir dann zu guter Letzt noch zur Hälfte ersegeln. Von Riga sehen wir als erstes Verladekräne am Horizont. Zwei Cargoschiffe liegen auf Reede, zwei weitere laufen mit hohem Speed ein.

Die Grossen fressen die Kleinen

Die Grossen fressen die Kleinen

Ihre Wellen rauschen an die Molen und duschen die dort sitzenden Angler. Das Wasser ist dunkelbraun.

Positiv gedacht, rede ich mir ein, kommt dies vielleicht vom Torf?  Hinter uns bauschen sich die dunklen Wolken auf und einige Schauer fallen in weiter Entfernung. Wir entscheiden uns für den ersten Hafen an der Mündung der Daugava. Riga liegt noch weitere zehn Kilometer flussaufwärts. Kaum sind wir vertäut und haben die Persennig hochgezogen, zieht der Schauer durch. In einem idyllischen Seitenarm des Flusses von bewaldeten und beschilften Ufern umgeben, haben wir festgemacht. Hier werden wir Mücken haben, stelle ich fest. Ein Alter mit Basecap, Sweatshirt und Jeans näher sich. Er ruft: „How long stay?  Fifteen Euros“. Meine Antwort, dass wir eine Nacht bleiben, scheint ihn zufrieden zustellen und er verschwindet wieder. Nach dem Aufklaren laufe ich zu einem zweigeschossigen grünen Gebäude, dass unverkennbar die Nüchternheit des typischen Ostblockstils ausstrahlt und ausserdem schon bessere Tage gesehen hat. Im Entree steht eine  braune Clubsofa/Sesselgruppe mit einem Stoss deutscher  YACHT Zeitschriften auf dem Tisch. Ich werfe einen Blick darauf. Die oberste Ausgabe stammt aus dem Jahr 2000. Im Erdgeschoss gibt es Duschen und Toiletten, alles liegt im Dunkeln, Lichtschalter Fehlanzeige. Ich steige die Treppe hoch und klopfe an mehreren Türen. Eine Teeküche steht offen, ansonsten ist hier niemand anzutreffen. Also wieder zurück. Draussen sehe ich eine offene Tür zu einer Werkhalle und rufe hinein. Ein alter mit Halbglatze, Schnurbart, groben, schwieligen Arbeitshänden erscheint. Beim Sprechen sehe ich seine vielen Zahnlücken und was verblieben ist sind Goldzähne. Die Verständigung scheitert. Mit Sprachen ist hier nicht weiterzukommen. Ich kann seine Mundart auch nicht einordnen. Lettisch ist es nicht. Er redet pausenlos auf mich ein. Meine Zeichensprache funktioniert promp. Als ich Daumen und Zeigefinger aneinander reibe und auf mein Portemonaie zeige, folgt er mir.

Ich einem beigen Wohnwagen, der an Schmuddeligkeit nicht zu überbieten ist, nehme ich ihm gegenüber am Tisch Platz. Man sitzt auf einer Mischung aus Fell und Flokati-artigen Unterlage in der der Schmutz der Jahrzehnte klebt. Das dreckige Geschirr auf der Anrichte zeigt, dass es sich hier um Wohn- und Officeraum gleichzeitig handelt. Als ich ihm eine zwanzig Euro Schein hinhalte, geht das Palaver weiter. In hartem Stakato wird er immer aufgeregter. Schliesslich hole ich von Bord passende Scheine. Damit ist er zufrieden und klemmt das Geld unter eine Plastikunterlage auf dem Tisch. Beleg gibt es natürlich nicht. Innerlich stelle ich mich sowieso schon darauf ein, vom nächsten Typen nochmal abkassiert zu werden. Axel erledigt derweil den anstehenden Ölwechsel und geht dann joggen. „ Schau mal, ob Du hier das Altöl los wirst“, sagt er noch. Mein erster Versuch an der Dieseltankstelle scheitert. Ein junger Mann spricht englisch und verweist auf das leerstehende grüne Gebäude. Vorsichtig turne ich wieder über den langen Steg von der Tankstelle zurück immer die Bretter im Auge, da einige fehlen. Mein Inspektionsgang über das Gelände geht weiter. Der Spezi mit dem blauen Basecap ist plötzlich wieder zur Stelle. Oder ist es vielleicht sein Zwillingsbruder. Nun spricht er auf einmal  kein Wort Englisch mehr. Erstmal verklickere ich ihm, dass ich bereits bei der anderen Type bezahlt habe. Dann zeige ich ihm mit den Händen formend, dass ich etwas Flüssiges in einem Kanister entsorgen möchte und laufe mit ihm zu Fässern, die auf dem Gelände herumstehen. Nach einer Viertelstunde gebe ich auf. Er versteht wirklich nix, lacht aber mittlerweile und hat seinen grimmigen Gesichtsausdruck verloren. Auf dem nächsten Werftgelände, dass moderner aussieht, ist ein Hallengerippe mit Betonsockel im Bau. Ich laufe hindurch und lande an der Ecke zum Nachbargrundstück. Es ist nicht abgezäunt. Hier lagern quadratische Kunststoffbehälter, die jeweils von einer Gitterbox eingefasst sind. Vorsichtig biege ich um die nächste Ecke. Durch ein geöffnetes Hallentor sehe ich eine Halle voll mit diesen Behältern gestapelt und in der Einfahrt eine kleinen LkW. Vor diesem steht ein Gabelstapler, der auf den Gabeln einen dieser Kunststoffbehälter hochgeladen hat und ein Arbeiter in roter Latzhose füllt eine scharf riechende grünlich-gelbe Flüssigkeit in einen anderen Behälter gleicher Art. Er kehrt mir den Rücken zu. Ich spreche ihn an: Do you speak English? A little. Mein Ansinnen mit der Altölentsorgung  begreift er nicht. „One minute wait for translate.“ Er zückt sein Handy und ordert anscheinend jemanden herbei. Ok, ich warte und schon bahnt sich  ein blonder Mann in schwarzer Lederjacke den Weg zwischen den Stapeln aus Kunststoffbehältern.

Er erklärt mir, dass die Entsorgungsstation zwei Kilometer entfernt liegen würde. Ich mache ihm klar, dass ich kein Auto habe und es für mich zu weit ist. Vermutlich um mich loszuwerden, bietet er mir schliesslich an, ich dürfte meinen Kanister hier abstellen. Sie kümmern sich darum. Ich bedanke mich und laufe schnell zurück. Rasch greife ich mir noch einen völlig verdreckten kleinen Leerkanister, den ich auf dem Rückweg auf dem Gelände finde. Bald gluckert das schwarze Öl hinein und schon laufe ich mit dem Gebinde vorbei am verdutzen Wachmann zum Nachbargelände. Erleichtert kehre ich zum Schiff zurück. Die Odyssee hat ein Ende.