Der strategisch gelegene Tiefwasserhafen Ventspils spielt eine führende Rolle beim Umschlag von Petrol Produkten, Ammonium, Getreide, Holz, Düngemitteln, Kohle, Chemikalien, Saftkonzentraten und Containern. Der Hafen kann auch per Fähre direkt von Travemünde erreicht werden was für Touristen mit Wohnmobil interessant sein dürfte, die das Baltikum bereisen möchten.

Tanker im Hafen von Ventils

Tanker im Hafen von Ventspils

Die Hafenstadt Ventspils vermittelt dem Besucher eine ungewöhnliche Mixtur aus Industriehafen, Erholungsort, altem Fischerdorf und Relikten aus der Sowjetzeit. Mit Hilfe von Subventionsprogrammen und EU-Mitteln versucht die Region den „turn around“ vom wirtschaftlichen Niedergang und Überwindung der Altlasten, zum modernen produktiven Standort für innovative Betriebe zu schaffen.

Vielleicht möchte man anknüpfen an die prosperierende Zeit unter der Herrschaft des Herzogs von Kurland Jacob Kettler (1642-1682) als das ehemals  zu deutsch Windau genannte Ventspils, der führende Hafen, Handels- und Schiffbauzentrum Kurlands war. Bereits 1263 baute der deutsche livonische Ritterorden ein Fort an der Mündung des Flusses Venta.  Im Mittelalter trat der Ort der Hanseatischen Liga bei. 1795 wurde Kurland dem russichen Empire eingegliedert. Die Russen schlossen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ventspils an das russische Eisenbahnnetz an. Für sie war der Hafen von grosser Bedeutung für den Handel besonders mit Öl und  als Transithafen, da alle russischen Häfen im Winter zu frieren.

Als Lettland in der zweiten Hälfte der 90er Jahre seine Unabhängigkeit zurück erhielt, begannen Modernisierungen und die Umwandlung zum Freeport Ventspils. Heute umfasst das Hafengebiet 2500 Hektar Fläche.

Wir Freizeitsegler erfahren von den Aktivitäten über den stechenden chemischen Geruch der die Luft erfüllt (zum Glück nicht am Yachthafen), den Lärm des Werftbetriebes wo an Fischkuttern geschweisst wird und die Betriebsgeräusche der Fischkonservenfabrik “Sprotins” , die unmittelbar am Yachthafen liegt. Unser Weg zum Zentrum führt direkt am Fabrikgebäude vorbei. Grau mit Sowjetcharme, rauchendem Schornstein und Rohren aus denen einfach Wasser nach draussen fliesst, wirkt die Anlage wie ein Fossil aus der Zeit der Kolchosen. Wir beschliessen,  von Fischkonserven auch in Zukunft die Finger zu lassen.

Viele Häuser in Ventspils stehen leer, sind zerfallen und mit Verkaufsschildern versehen. An mancher Ecke sieht es aus wie in einer deutschen Kleinstadt. Dann wieder die typischen russischen Holzhäuser. Bibliothek und Touristenbüros sind in neuen modernen avant-gardistischen Bauten untergebracht. Ein eigenwilliger Mix der auch die Ursprünge der Bevölkerung widerspiegelt. Russen, Letten, internationales Publikum der Industrie aus Westeuropa und USA. So koexistieren die Glaubensgemeinschaften der evangelisch-lutherischen Kirche mit der Russisch-orthodoxen. Arme Bauern aus der Umgebung bieten Gemüse und Obst auf den groben Holztischen des Marktes feil. Das Kilo Kartoffeln für EUR 0,70. In der Markthalle gibt es eine Fleischtheke, deren Inhalt wir nur aus der Ferne in Augenschein nehmen. Fisch ist meist geräuchert. Die gekauften Erdbeeren und Blaubeeren sind nach wenigen Stunden in einem jämmerlichen Zustand. Vermutlich lagerten sie schon einige Zeit im Kleintransporter des Verkäufers. Wir schonen unsere Vorräte die nächsten zwei Tage, denn auch die Supermärkte mit ihrem Sortiment sind nicht nach unserem Geschmack. Die Bordküche bleibt also kalt. Stattdessen geniessen wir schmackhafte Speisen im Restaurant Skroderkrogs. Ein gemütlich eingerichtetes Holzhaus, nett dekoriert mit alten Singernähmaschinen- Tischen, Stickmustern und Schneiderscheren an den Wänden versprüht eine gemütliche Atmosphäre. Der Laden ist zu jeder Zeit gut besucht. Neben den leckeren Hauptgerichten entwickelt sich die „homemade Raspberry Icecream“ zu unserem Favoriten.

Satt und zufrieden treten wir den Heimweg an durch den Stadtteil Ostgals, der aus alten Holzhäusern besteht. Nur nicht zu dicht an den Zäunen vorbei streichen,  ist hier die Devise. Nahezu jedes Grundstück wird von scharfen Schäferhunden oder sonstigen düster aussehenden Rassen bewacht. Mit lautem Gebell, dass unverkennbar ein drohendes Knurren als Unterton hat, geben sie uns zu verstehen, dass wir uns fernhalten sollen von Haus und Hof. Die Alternativroute am Fluss Venta ist frisch. Hier weht der eiskalte Nordwest herein und die Nase ist über die Ausdünstungen der Petrochemie auch alles andere als erfreut.

Ein Kontrastprogramm bilden die gepflegten Parks, Villenviertel und der endlos wirkende Sandstrand auf der Westseite der Stadt. Mit Aquapark, Kleinbahn, Skulpturen, Kletterparks, Spielplätzen, Radwegen und üppigen, phantasievollen Blumenarrangements, die die Formen von Kühen, Fischen, Maikäfern und Komikfiguren nachbilden, bemüht man sich um junge und alte Touristen gleichermassen. Dies sogar mit einer eigenen Währung, den Vents.

Ventils Währung Cents

Ventils Währung Vents

Am Zugang zum sehr gepflegten Strand mit vielen Klettergerüsten für Kinder zeigt eine Tafel an: Luft, 14 Grad Celsius, Wasser, 7 Grad Celsius.

Weit und breit ist niemand zu sehen. Bis auf eine Schulklassen, deren Schüler  verfroren über die Mole laufen, haben wir keine anderen Touristen gesehen. Als wir am Abend den Aussichtsturm an der Westmole  bei gefühlten 5 Grad Celsius besteigen, findet am Fuss des Turms ein Modefotoshooting statt. Die Models bibbern in dünnen weissen Schlaghosen und mit sehr hohen beigen Plattopömps dem Ende der Session entgegen. Als endlich alles im Kasten zu sein scheint, laufen sie wie die geölten Blitze zu einem Kleinbuss und springen hinein. Dieser Job den viele junge Mädchen als Traumziel haben, ist also nicht nur Zuckerschlecken.