Ostsprung zwischen Fronten

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Ich bin hellwach, mein Blick fällt auf den Wecker: 3.22 Uhr, Vorsichtig schiebe ich die Isolierfolie am Seitenfenster etwas beiseite; es ist hell. Aha, denke ich bei mir, also wäre ein Start für die Überfahrt nach Lettland in einem Zeitfenster von 17 Stunden kalkulierter Fahrzeit ab Slite zu schaffen, um den Landfall im Osten noch bei Helligkeit zu bewerkstelligen. Ich spiele noch ein bischen mit dem Display herum und checke Wellenhöhe, Regenwahrscheinlichkeit, Windrichtung, Windstärke und mögliche Böenintensität. Die nächsten Tage werden wir hier festliegen. Es gibt kein gutes Wetterfenster für den geplanten langen Schlag. Also lege ich  das Handy weg,

Ankunft in Ventspils Lettland

Ankunft in Ventspils Lettland

drehe mich um und versuche wieder einzuschlafen. Axel schläft tief und fest. Ich behalte meine Erkenntnisse für mich und lasse ihn schlafen. Richtig zur Ruhe komme ich nicht. Um 6.00 Uhr prüfe ich die Lage erneut. Ab heute Mittag wäre eine Lücke zwischen zwei Fronten. Axel schläft noch, also abwarten.  Unser silberne Isolierfolie verdunkelt alle Fenster für die ungestörte Nachtruhe, denn um 5.00 Uhr morgens strahlt hier die Sonne schon gleisend hell herab.  Endlich gelingt es auch mir,  weg zu nicken. Ein kurzer Schlaf, denn um 7.00 Uhr schrillt der Wecker.  Erneute Lageprüfung. Ergebnis: wir wagen es! Jetzt muss es aber schnell gehen.  Das Schiff befindet sich noch voll im Campingmodus mit Abdeckhauben und aufgezogener Kuchenbude, da wir uns am Vorabend auf einen längeren Aufenthalt eingestellt hatten. Im Laufschritt eile ich noch zu den Müllcontainern.  Dabei laufe ich mit meinem stinkenden Bündel unmittelbar an einer Gruppe Herren vorbei, die, angereist am Vortag,  zu einer Incentivegruppe gehören und nun auf der Hotelterrasse ein frühes Frühstück einnehmen. Persenninge runter und Leinen lösen. Der Rest wird unterwegs erledigt. Um 8.00 Uhr laufen wir unter Maschine aus und passieren bei ruhigen Verhältnissen die flachste Stelle der Buchteinfahrt. Axel lässt die Maschine in Marschfahrt laufen, denn wir müssen eine Geschwindigkeit von 6 Knoten Fahrt im Durchschnitt laufen, um vor der nächsten Wetterfront mit Starkwind die gegenüberliegende Küste zu erreichen. Derweil nutze ich die Zeit, um unsere Wegverpflegung zuzubereiten. Möhren schälen, Brote schmieren und ein Glas  Suppe aus dem Proviantschapp fischen. Endlich gehen die Segel hoch. Der Wind zieht nach und nach an. Wir laufen wie auf Schienen unserem Ziel entgegen. Weit hinter uns am Horizont sehen wir am Nachmittag Schauer- wände aus der tiefhängenden Wolkendecke herausfransen. Der Horizont ist scharf abgegrenzt.

Voraus wirkt es freundlicher. Ein Stossgebet zu Petrus und auf Holz geklopft, dass sich die guten Bedingungen noch halten. Für den Fall, dass uns das Unwetter einholt,  wollen wir in die Irbenstrasse ablaufen und die Nacht durchfahren. Denn ein Einlaufen auf einer Legerwall Küste soll vermieden werden. Daher starten wir gegen Mittag mit den Wachen und schlafen wechselseitig. Unter dicker Daunendecke bietet sich dabei auch die Gelegenheit zum Aufwärmen, denn die 14 Grad Celsius sind gefühlt kälter. Wir tragen Thermohosen, Skiunterwäsche, T-Shirt, Sweatshirt, Fleece 1 und Fleece 2, Segel-Windjacke und Hose sowie spezielle Thermo-Isoliersocken. Schal und Mütze ergänzen das Outfit. Am Abend wird die Zeit lang. Immer wieder messe  ich die noch verbleibenden Seemeilen.

Der Himmel verdunkelt sich weiter auf See und wirkt nun drohend. Die Nervosität steigt. Werden wir das Ziel vor der Front erreichen? Endlich tauchen die ersten Lichter auf und die Küstenlinie nimmt weiter Kontur an. Die Dämmerung ist längst angebrochen und mit einem Resthauch von Licht laufen wir in den Tonnenstrich ein. Den zurecht gelegten Scheinwerfer und unsere Kopflampen brauchen wir nicht, denn der Industriehafen von Ventspils ist mit unzähligen Lampen hell ausgeleuchtet. Die Vielzahl der Lichter ist verwirrend und die Orientierung nicht einfach. Radarunterstützt mit Hilfe der GPS Navigation passieren wir punktgenau die Einfahrt und stehen bald zwischen den mächtigen Molenköpfen. Dunkel heben sich die wie riesige Leiber wirkenden Tanker im Wiederschein der Strahler ab. Verladebrücken, Pipelines und Kaianlagen werden sichtbar. Dröhnen, Zischen und metallisches Hämmern tönen  über die weite Wasserfläche des Vorhafenbeckens. Im Zufahrtskanal des Flusses Venta bereiten wir die Festmacher und Fender vor. Zügig ist das  kleine Hafenbecken für Segler erreicht. Nun ist es schon richtig dunkel.

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Schemenhaft im  heben sich die zerklüfteten Umrisse der Fischkutter ab. Sie wirken hier klobig, kantig und verbereiten die strenge Nüchternheit des Ostblocks. Nicht wie unsere gemütlichen, hübschen, rundlichen Holz-Fischkutter an der deutschen Ostseeküste oder in Dänemark. Dunkle  herunter gekommene und halb zerfallene Fabrikgebäude ragen am Ufer auf. Wir nähern uns dem Yachtsteg. Dort steht der Hafenaufseher bereit, um um 24.00 Uhr Ortszeit (Lettland hat eine andere Zeitzone) unsere Leinen anzunehmen. Er übergibt mir Prospekte über Ventspils und fragte die Schiffsdaten ab. Euphorisch über die gelungene Ankunft  klaren wir noch schnell das Deck auf und dann geht es auch schon unter Deck als die ersten harten Böen einfallen und die Wanten singen lassen. Das Boot schaukeln sachte vor und zurück und wiegt uns so in den wohlverdienten Schlaf.

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2 Comments

  1. ClaJo

    Ahoi und Hallo Ihr Lieben,
    wie wir sehen seid Ihr schon wieder unterwegs Richtung Riga. Wir hoffen, Ihr hattet eine gute Überfahrt. Wir wünschen weiterhin viele schöne Erlebnisse und eine gute Reise. Wir lesen mit Begeisterung ???? Eure Reiseinformationen und geniessen die Foto`s ????

    LG. ClaJ

    • astarte_wp

      Hallo Pretty Woman,
      danke für Euer Feedback. Ihr liegt richtig. Dieses Jahr zieht uns Riga an, da es
      mit die schönste Stadt sein soll und auch seglerisch der Riga Golf Neuland für uns ist.
      Wir werden berichten und die Erfahrungen mit Euch
      teilen.
      LG Astarte

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